Ärzte Zeitung online, 12.05.2010

Viele Überstunden - das bedeutet Gefahr für das Herz

LONDON (ob) Wer viele Überstunden macht, wird schneller herzkrank. Dafür sprechen neue Ergebnisse einer Langzeitstudie aus Großbritannien. Danach hatten Angestellte, die regelmäßig drei bis vier Überstunden pro Tag leisteten, ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko für Koronarerkrankung als ihre Kollegen mit normalen Dienstzeiten.

Viele Überstunden - das bedeutet Gefahr für das Herz

Lange stressige Schichten im Büro können die Herzgesundheit schädigen. © corepics / fotolia.com

Die neuen Daten einer Forschergruppe um Dr. Marianna Virtanen stammen aus der Studie Whitehall II, einem Klassiker der epidemiologischen Langzeitbeobachtung. In der seit 1985 mit initial 10 308 Teilnehmern laufenden Studie wird regelmäßig die gesundheitliche Entwicklung bei Angestellten britischer Behörden in London untersucht. Seit Anfang der 90er Jahre werden auch Daten zur Zahl der täglich geleisteten Arbeitsstunden erhoben.

Die aktuelle Analyse stützt sich auf Daten von 6014 Männern und Frauen, deren gesundheitlicher Zustand bis zu den Jahren 2002 bis 2004 dokumentiert worden war. Im Beobachtungszeitraum von durchschnittlich 11,2 Jahren trat bei 369 von ihnen ein Koronarereignis (Herztod, Myokardinfarkt oder Angina pectoris) auf. Nach Berücksichtigung von Einflussfaktoren wie Alter und Geschlecht sowie anderer koronarer Risikofaktoren kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass Angestellte mit elf bis zwölf Arbeitsstunden pro Tag - also mit drei bis vier Überstunden - ein um 60 Prozent höheres Risiko für eine Herzkrankheit hatten. Die Assoziation von Überstunden und Koronarereignissen war unabhängig von Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht oder erhöhten Blutfettwerten.

Die Wissenschaftler nennen auch mögliche Gründe für diese Assoziation. So wurden Überstunden häufig von Menschen geleistet, die zu hoher Konkurrenzbereitschaft und Angespanntheit neigen (Typ-A-Verhalten). Zu viel Zeit im Büro könnte aber auch zu Depressionen, Angstgefühlen und Defiziten beim Schlaf und bei Erholungszeiten führen. Menschen mit Hang zu Überstunden sind möglicherweise gerade jene, die sich nicht schonen und auch bei Krankheit im Büro auftauchen.

Allerdings schließen die Studienautoren nicht aus, dass Menschen mit größerem Entscheidungsspielraum und Autonomie im Beruf, die Belastungen als weniger stressig empfinden, trotz Überstunden kein erhöhtes KHK-Risiko haben. Dass als Stress empfundener Leistungs- und Zeitdruck am Arbeitsplatz die Entstehung der koronaren Herzkrankheit begünstigt, hat eine frühere Analyse von ebenfalls aus der Whitehall-II-Studie stammenden Daten ergeben (wir berichteten). Nach deren Ergebnissen sind dabei durch Stress direkt induzierte Störungen der neuroendokrinen Regulation pathophysiologisch wirksam. Ein dauerhaft erhöhter Stress am Arbeitsplatz war im 12-jährigen Nachbeobachtungszeitraum mit einer erhöhten Inzidenz von Koronarereignissen assoziiert. In der Altersgruppe der 37- bis 49-jährigen Berufstätigen war diese Beziehung zwischen Arbeitsstress und KHK-Risiko am deutlichsten erkennbar, im Alter über 50 Jahren dagegen weniger stark ausgeprägt.

Nach Ansicht von Virtanen und ihren Kollegen bedarf es noch weiterer Forschung, um einen direkten Zusammenhang zwischen Überstunden und Koronarerkrankung definitiv zu belegen. So sei etwa noch unklar, ob das KHK-Risiko wieder sinke, wenn Angestellte mit Überstunden ihr Arbeitspensum reduzierten. Eine Limitierung der Studie sei auch, dass nur Angestellte öffentlicher Behörden und keine Handwerker, Arbeiter oder Angestellte bei privaten Unternehmen einbezogen waren.

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