Ärzte Zeitung online, 20.10.2010

Zweifel am Nutzen der Sauerstoffgabe bei Herzinfarkt

NEU-ISENBURG (ob). Die Zufuhr von Sauerstoff über eine Nasenkanüle oder Gesichtsmaske zählt zu den alltäglichen Maßnahmen in Notaufnahmen und Rettungswagen. Auch viele Patienten mit akutem Myokardinfarkt erhalten routinemäßig Sauerstoff. Jetzt sind Zweifel an dieser Praxis aufgekommen.

Zweifel am Nutzen der Sauerstoffgabe bei Herzinfarkt

Sauerstoffzufuhr gehört bei einem Herzinfarkt zur Routine. Nicht in allen Fällen scheint das aber dem Patienten zu nützen.

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Es klingt pathophysiologisch so plausibel: Wenn es bei Myokardischämie dem Herzmuskel an Sauerstoff mangelt, dann sollte die Zufuhr dieses lebenswichtigen Elements doch hilfreich sein. Das könnte, so die Vermutung, die Infarktgröße begrenzen und sich so letztendlich auf die Prognose der Patienten günstig auswirken.

Wer danach fragt, ob es dafür überzeugende klinische Studiendaten gibt, wird enttäuscht. Eine spanische Forschergruppe um Dr. Juan Cabello aus Alicante hat jüngst eine systematische Sichtung aller relevanten Studien vorgenommen und als "Cochrane-Analyse" Mitte 2010 publiziert. Nur drei randomisierte Studien mit insgesamt 387 Patienten, die in den ersten 24 Stunden nach akutem Myokard entweder Sauerstoff oder Raumluft zugeführt bekamen, konnten ausfindig gemacht werden.

Die Datenbasis ist zu gering für eine aussagekräftige Statistik

Aus statistischer Sicht ist das keine solide Basis, um zu Ergebnissen zu gelangen, denen zu trauen ist. Dementsprechend erlaubt die Metaanalyse keine definitiven Schlussfolgerungen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass - bei insgesamt nur 14 Todesfällen - die Sterberate in der Sauerstoff-Gruppe um ein Dreifaches höher war als in der Raumluft-Gruppe.

Wegen der niedrigen Fallzahl kann sich dieses zunächst beunruhigende Ergebnis aber auch dem Zufall verdanken. Zudem sind die Untersuchungen bis zu 30 Jahre alt, was die Übertragbarkeit ihrer Ergebnisse auf die inzwischen völlig veränderte Praxis der Infarktbehandlung infrage stellt.

Auch zwei US-Forscher haben in einer aktuellen Publikation die Sauerstoff-Therapie bei Herzpatienten kritisch unter die Lupe genommen (JACC 2010; 56: 1013). Sie rufen dabei vor allem Ergebnisse experimenteller Studien in Erinnerung, in denen potenziell schädigende Effekte einer Hyperoxie zum Vorschein kamen. Danach verstärkt Hyperoxie unter anderem die koronare Vasokonstriktion und stimuliert die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies.

Bei Normoxie darf am Nutzen der routinemäßigen Sauerstoffgabe gezweifelt werden

Nach Ansicht der Autoren ist die Gabe von Sauerstoff bei Patienten mit Hypoxie klar indiziert. Zweifel seien aber abgebracht, ob die inzwischen weit verbreitet Praxis der routinemäßigen Anwendung von Sauerstoff auch bei Normoxie wirklich zum Nutzen der Infarktpatienten sei.

Diese Zweifel teilt auch die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC). In einer Pressemitteilung forderte sie jüngst, "diese häufig angewandte Behandlung so schnell wie möglich in einer großen Studie zu überprüfen".

Zudem kündigt sie an, dass die Ergebnisse der Cochrane-Analyse in den für 2012 in Aussicht gestellten aktualisierten Leitlinien zur Infarkttherapie Berücksichtigung finden werden. Solange überzeugende Ergebnisse kontrollierter Studien keine andere Empfehlung nahelegen, rät die Fachgesellschaft dazu, bei Infarktpatienten ohne Hypoxie auf die Sauerstoffgabe zu verzichten.

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