Ärzte Zeitung, 19.01.2011

Kontroverse über den Stellenwert der Statine in der Primärprävention

Für die Empfehlung, einem breiten Spektrum von Patienten mit niedrigem kardiovaskulären Risiko Statine zu verordnen, reichen die Studiendaten nicht aus. Zu diesem Schluss kommt die Cochrane-Gruppe auf Basis einer Übersicht über Studien zur Primärprävention durch Cholesterinsenkung mit Statinen.

Von Peter Overbeck

Kontroverse über den Stellenwert der Statine in der Primärprävention

Cholesterin-Ablagerungen am Endothel: Eine neue Cochrane-Analyse hat eine Diskussion über den Nutzen von Statinen in der Primärpävention entfacht.

© Bode

LONDON. Für ihre aktuelle Analyse der Wirksamkeit von Statinen in der Primärprävention bei Patienten ohne erkennbare Gefäßerkrankungen hat die Arbeitsgruppe um Dr. Fiona Taylor von der "Cochrane Heart Group" in London die Daten aus 14 klinischen Studien mit 34.272 beteiligten Patienten zusammengetragen.

Acht Studien mit mehr als 28.000 Patienten lieferten Daten zum Effekt auf die Gesamtsterberate. Teilnehmer waren Personen, die als Risikomerkmale erhöhte Cholesterinwerte oder einen Diabetes mellitus, einen Bluthochdruck oder in einer Studie auch nur eine Mikroalbuminurie aufwiesen.

Die Forscher errechneten auf der Grundlage dieser Studiendaten, dass eine primärpräventive Behandlung mit Statinen die Zahl der Todesfälle pro 1000 Patienten von neun auf acht pro Jahr reduzierte. Die relative Reduktion der Gesamtsterberate betrug 17 Prozent.

Auch im Hinblick auf einige kombinierte Endpunkte war das Risiko in der mit Statinen behandelten Gruppe deutlich niedriger. Wurden alle todlichen und nicht tödlichen kardiovaskulären Ereignisse, KHK-Erkrankungen und Schlaganfälle berücksichtigt, betrug die relative Risikoreduktion 30 Prozent. Das Risiko für Revaskularisation war im Vergleich zur Kontrollgruppe um 34 Prozent niedriger.

Die Analyse ergab keinerlei Anhaltspunkte für schädigende Effekte oder einen negativen Einfluss der Statintherapie auf die Lebensqualität der Patienten.

Die Cochrane-Forscher gelangen auf Basis dieser Ergebnisse zu einer eher skeptischen Beurteilung des Nutzens von Statinen in der Primärprävention.

Sie verweisen dabei unter anderem auf nach ihrer Ansicht bestehende methodische Mängel einiger Studien, etwa fehlende Angaben über unerwünschte Effekte oder vorzeitiger Studienabbruch.

Insgesamt, so das Fazit, sei die wissenschaftliche Evidenz zu schwach, um Statine für eine breitere Anwendung in der Primärprävention zu empfehlen.

Andere Experten sehen hier allerdings eine Diskrepanz zwischen nach ihrer Ansicht positiven Daten und der daraus gezogenen Schlussfolgerung.

Befragt durch den medizinischen Internet-Infodienst "Medpage-Today" gab Professor Christopher Cannon, renommierter Kardiologe aus Boston, seine Kritik zu Protokoll.

Er wirft der Cochrane-Gruppe vor, mit den Daten einerseits einen klaren Nutzen der Statine zu präsentieren, ihn dann aber mit einer Aufzählung fragwürdiger Limitierungen wieder zu relativieren.

Lesen Sie dazu auch:
Trotz Statin-Therapie: Niedriges HDL-Cholesterin bleibt ein Risikofaktor

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