Ärzte Zeitung online, 16.03.2011

Diabetes als "KHK-Äquivalent" - eine zu pauschale Klassifizierung

Diabetiker haben ein hohes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Diabetes wird oft als "KHK-Äquivalent" mit der manifesten Koronaren Herzkrankheit auf eine Risikostufe gestellt. Diese Klassifizierung ist neuen Studiendaten zufolge aber wohl zu pauschal.

Diabetes als "KHK-Äquivalent" - eine zu pauschale Klassifizierung

Diabetes: Als KHK-Äquivalent für das kardiovaskuläre Risiko nicht bei jedem Patienten geeignet.

© Weber / fotolia.com

LONDON (ob). Eine 1998 publizierte und seitdem viel zitierte Studie der Arbeitsgruppe um den Diabetes-Experten Dr. Steven Haffner kam zu dem Ergebnis, dass Diabetiker ohne KHK per se ein ebenso hohes kardiovaskuläres Risiko haben wie KHK-Patienten ohne Diabetes.

Die daraus abgeleitete generelle Gleichsetzung von Diabetes und KHK als Risiko-Äquivalente hat unter anderem dazu geführt, dass etwa für die Lipidsenkung mit Statinen für beide Patientengruppen die gleichen niedrigen Zielwerte empfohlen werden.

Allerdings sind auch immer wieder Zweifel an dieser generellen Einstufung des Diabetes als "KHK-Äquivalent" laut worden. Die Zweifler können sich jetzt durch neue Studienergebnisse einer Londoner Arbeitsgruppe um Dr. S. Goya Wannamethee bestätigt sehen (Arch Intern Med 2011; 171: 404-410).

Die Forscher haben Daten einer prospektiven Studie ausgewertet, in die im Zeitraum zwischen 1978 und 1980 ingesamt 4045 Männer im Alter zwischen 60 und 79 Jahren aufgenommen worden waren.

Die Männer wurden in vier Gruppen unterteilt, je nachdem, ob sie zu Beginn weder einen Diabetes noch eine KHK (Myokardinfarkt) hatten oder bereits eine Diabetes-Erkrankung mit frühem Beginn (im Alter unter 60 Jahren) oder spätem Beginn (im Alter über 60 Jahren) bestand oder zuvor schon einen Myokardinfarkt erlitten hatten. Im Beobachtungszeitraum wurden 373 schwerwiegende KHK-Ereignisse und 1112 Todesfälle registriert.

Einmal mehr zeigte sich, dass die Inzidenz von Koronarereignissen bei Diabetikern deutlich höher war als bei Nichtdiabetikern. Allerdings war das Risiko nicht bei allen Diabetikern gleich hoch wie bei den Infarktpatienten ohne Diabetes.

Als Unterscheidungsfaktor erwies sich hier die Dauer der Diabetes-Erkrankung. Bei spätem Diabetes-Beginn und dementsprechend relativ kurzer Diabetes-Dauer war die Wahrscheinlichkeit eines KHK-Ereignisses deutlich niedriger als bei den Nichtdiabetikern mit manifester KHK.

Nur Diabetiker mit frühem Krankheitsbeginn und dementsprechend langer Diabetes-Dauer (im Schnitt 16 Jahre) hatten ein gleich hohes Risiko für KHK-Ereignisse wie die Infarktpatienten ohne Diabetes.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Nutzen Antibiotika bei Dentaleingriffen?

Patienten mit Herzklappen-Ersatz haben nach zahnärztlichen Eingriffen womöglich ein erhöhtes Risiko für infektiöse Endokarditiden. Doch wie groß ist es und schützen Antibiotika? mehr »

Medizin vor Ökonomie - Kodex soll Prioritäten klarmachen

Medizinische Fachgesellschaften treten gegen die Ökonomisierung der Medizin an – mit einem Kodex. mehr »

Mit Geriatrietests zur Diabetestherapie à la carte

Der eine ist fit, der andere gebrechlich: Alte Menschen mit Typ-2-Diabetes brauchen individuelle Therapieformen. Ein Geriater gibt Tipps. mehr »