Ärzte Zeitung online, 04.05.2011

Herzinfarkt-Therapie: Erfolgsgeschichte, auch im Praxisalltag

Die in klinischen Studien dokumentierte Wirksamkeit neuer Therapien bei Herzinfarkt spiegelt sich auch im "wirklichen Leben" wider: Mit zunehmender Übernahme dieser Therapien in den Praxisalltag nahm im Laufe eines Jahrzehnts zeitgleich die Mortalität von Infarktpatienten erheblich ab.

Herzinfarkt-Therapie: Erfolgsgeschichte, auch im Praxisalltag

Im Herzkatheterlabor: Schwedische Forscher haben jetzt gezeigt, dass therapeutische Errungenschaften im Praxisalltag wirken.

© dpa

STOCKHOLM (ob). Klinische Studien mit ihren selektiven Ein- und Ausschlusskriterien sind nicht unbedingt repräsentativ für den normalen Praxisalltag. Die Frage, ob sich die in solchen Studien erzielten Behandlungserfolge auch unter Alltagsbedingungen reproduzieren lassen, ist deshalb mehr als berechtigt.

Das gilt nicht zuletzt für die Behandlung von Patienten mit akutem Myokardinfarkt. Hier sind in der Vergangenheit viele durch klinische Studien belegte Fortschritte erzielt worden,

Schon seit langem zählen die Thrombozytenhemmung mit ASS sowie Betablocker zur Standardtherapie bei Herzinfarkt. Die Plättchenhemmung konnte durch duale Therapie mit ASS und Clopidogrel weiter optimiert werden. Statine und ACE-Hemmer stellten in Studien ihren prognostischen Nutzen in der Sekundärprävention unter Beweis.

Die rasche Reperfusion durch medikamentöse Lyse oder primäre Koronarintervention - letztere wird mittlerweile, wenn verfügbar, als Methode der Wahl klar favorisiert - trug ebenfalls zur Verbesserung der Prognose bei.

Was aber haben all diese "evidenzbasierten" Therapie den Infarktpatienten im normalen Praxisalltag gebracht? Gute Voraussetzung, um an entsprechende Informationen zu gelangen, sind in Schweden gegeben.

Dort wird ein nationales Register (RIKS-HIA) geführt, in dem seit 1995 die Daten aller in Kliniken behandelten Patienten mit kardialen Akuterkrankungen prospektiv und nahezu lückenlos erfasst werden. Es enthält Informationen zum kurz- und langfristigen klinischen Verlauf.

Ein Forscherteam um Dr. TomasJernberg hat jetzt in einer Studie die Daten aller 61238 Patienten aus diesem Register analysiert, die im Zeitraum zwischen 1996 und 2007 wegen ST-Hebungsmyokardinfarkt (STEMI) in klinischer Behandlung waren (JAMA 2011; 305: 1677).

Zwei Fragen sollten geklärt werden: Wie sind die neuen Therapien von den Kliniken angenommen und in den Praxisalltag integriert worden? Welche Auswirkungen haben sich daraus auf die Überlebensrate der STEMI-Patienten ergeben?

Wie die Analyse ergab, sind die neuen, in Leitlinien empfohlenen Therapien nur allmählich in den Praxisalltag eingeführt worden, wobei vor allem in den ersten Jahren deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Kliniken bestanden. Mit der Zeit kam es dann aber bei einigen Therapien - eine Ausnahme bildet die primäre Koronarintervention - zu stärkeren Angleichungen bei der Implementierung.

Insgesamt war zwischen 1996 und 2007 eine signifikante Zunahme der Nutzung neuer Therapien mit in Studien gesicherter Wirksamkeit zu beobachten. Sie stieg beispielsweise die Rate primärer Koronarinterventionen von 12 auf 61 Prozent, Die Rate aller Revaskularisationen (perkutane Koronarintervention oder Bypass-Op) innerhalb der ersten 14 Tagen nach dem Infarkt erhöhte sich von 10 auf 84 Prozent.

Auch bei einigen medikamentösen Therapien gab es hohe Zuwachsraten. So kletterte der Anteil der mit Statinen behandelten Patienten von 23 Prozent auf 83 Prozent. Bei Clopidogrel war ein Anstieg von 0 Prozent auf 82 Prozent zu verzeichnen. Für die Behandlung mit ACE-Hemmern oder AT1-Rezeptorblockern ermittelten die Forscher eine Zunahme von 39 Prozent auf 69 Prozent.

Zeitlich parallel zur zunehmenden Nutzung leitliniengerechter Therapien in der Praxis war eine Abnahme klinischer Komplikationen und eine deutliche Reduktion der Sterberaten zu beobachten. So sank die Rate der noch während des Klinikaufenthalts aufgetretenen Reinfarkte von 4 auf 1 Prozent.

Hatte die Rate für Todesfälle während der Behandlung in der Klinik im Jahr 1996 noch bei 12,5 Prozent gelegen, betrug sie 2007 nur noch 7,2 Prozent. Die Rate für die 30-Tage-Mortalität sank in dieser Zeit von 15,0 Prozent auf 8,6 Prozent, die Rate für die 1-Jahres-Mortalität von 21,0 Prozent auf 13,3 Prozent. Alle Unterschiede sind statistisch signifikant. Diese Reduktion erwies sich auch auf längere Sicht (bis zu zwölf Jahre) als dauerhaft.

Eine Zunahme gab es lediglich bei schweren Blutungskomplikationen, deren Rate sich von 1 Prozent auf 2 Prozent erhöhte.

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