Ärzte Zeitung online, 10.03.2011

Vorhofflimmern und Schlaganfall - diese Konstellation erhöht das Demenzrisiko

Vorhofflimmern bei einem Patienten mit Schlaganfall in der Vorgeschichte - diese klinische Konstellation verheißt nichts Gutes: Sie signalisiert nach Ergebnissen einer neuen Studienübersicht ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Demenz.

Vorhofflimmern und Schlaganfall - diese Konstellation erhöht das Demenzrisiko

Nicht vergessen: Wer früher einen Schlaganfall erlitten hat und an Vorhofflimmern leidet, hat ein erhöhtes Demenzrisiko.

© Lisa F. Young / fotolia.com

NORFOLK (ob). Vorhofflimmern erhöht das Risiko für ischämische Schlaganfälle. Etwa 15 bis 20 Prozent aller Schlaganfälle werden auf diese häufigste klinisch bedeutsame Herzrhythmusstörung zurückgeführt.

Mit zunehmendem Alter steigt nicht nur die Prävalenz von Vorhofflimmern, sondern auch der Anteil der damit in Zusammenhang stehenden Hirninsulte. Diese wiederum könnten zur Beeinträchtigung kognitiver Funktionen und zur Demenz führen.

Ein Forscherteam um Dr. Phyo Kyaw Myint aus Norfolk hat jetzt systematisch die Literatur nach Studien zum Zusammenhang zwischen Vorhofflimmern und Demenz durchforstet und deren gepoolte Daten analysiert.

Daten aus 15 prospektiven Beobachtungsstudie, in denen 46 637 Personen (Durchschnittsalter: 72 Jahre) mit und ohne Vorhofflimmern über unterschiedlich lange Zeiträume nachbeobachtet worden waren, flossen in diese Metaanalyse ein (Neurology 2011; 76: 914-922).

Die Auswertung aller gepoolten Daten ergab, dass Personen mit Vorhofflimmern insgesamt ein doppelt so hohes Demenzrisiko hatten wie Personen ohne diese Arrhythmie.

Allerdings variierten die Ergebnisse der Studien in Abhängigkeit davon, ob die Studienteilnehmer mit Vorhofflimmern auch einen Schlaganfall erlitten hatten oder nicht.

In den sieben Studien, an denen ausschließlich Patienten mit Schlaganfall beteiligt waren, war Vorhofflimmern mit einem signifikant um den Faktor 2,4 höheren Risiko für die Entwicklung einer Demenz assoziiert. Von den Patienten mit Vorhofflimmern und Hirninsult entwickelten 25 Prozent im Studienzeitraum eine Demenz.

In den Studien mit einem breiteren Spektrum von Teilnehmern war die Assoziation von Vorhofflimmern und Demenz hingegen weniger eindeutig; hier besteht, so die Autoren, weiterhin eine "beträchtliche Unsicherheit".

[10.03.2011, 14:11:07]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Therapie von Vorhofflimmern: Schlaganfallrisiko vermindern - Demenzrisiko senken?
Neue Alternativen zur oralen Antikoagulation bei unseren Patienten mit Vorhofflimmern werden wichtig. Denn viele Kontraindikationen, Unbequemlichkeiten, Vorbehalte und auch Vorurteile bestehen bei Kranken und Ärzten in der Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten vom Phenprocoumon-Marcumar-Typ bzw. Warfarin (USA) mit der Indikation Vorhofflimmern. Allzu oft wird auf das weniger taugliche ASS und/oder Clopidogrel ausgewichen, die nach den neuesten ESC-Leitlinien nur bei sehr niedrigem Risikoscore noch verwendet werden sollten.

Vorhofflimmern (VHF) ist eine eigenständige Krankheitsentität. Die Indikationen von ASS (z. B. Aspirin, ASS) und in der Kombination mit Dipyridamol (z. B. Aggrenox) bestehen nur allgemein zur Sekundär-prävention v. ischämischen Schlaganfällen u. transit. ischämischen Attacken - TIA. * Bei ASS ist die Formulierung in der Gelben Liste:
"zur Vorbeugung v. ischäm. Attacken u. Hirninfarkten, nachdem Vorläuferstadien aufgetreten sind". * Das gilt auch für Clopidogrel (Plavix/Iscover) n i c h t bei VHF.

Eine Kopf-an-Kopf Studie mit Marcumar gegen die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte Neusubstanz Apixapan läuft derzeit. Ihr Design ist zwar detailliert beschrieben, aber die Ergebnisse stehen noch aus: American Heart Journal (AHJ) Vol. 159, 3, 331-339 (March 2010). **

Wesentlich bessere Karten hat derzeit das Dabigatran: Eine VHF-Patientenstudie mit Pradaxa® (Wirkstoff: Dabigatran) 2 x 150 mg tgl. von Boehringer/Ingelheim vs. Warfarin (Phenprocoumon-Marcumar) mit engmaschiger INR-Kontrolle, schon 2009 publiziert: “Randomized Evaluation of Long-Term Anticoagulation Therapy” oder RE-LY-Studie (NEJM 2009: 361: 1139-51) ergab eine 34 % Relative Risiko Reduktion (RRR). Und führte zur Modifikation der Leitlinien der US-Amerikanischen Fachgesellschaften zu VHF und Thrombose-/Embolierisikominderung als "Update" in Circulation (2011; doi: 10.1161/CIR.0b013e31820f14c0).

Die Empfehlungen für Dabigatran (Pradaxa) gelten in den USA als Alternative zu Marcumar besonders bei Patienten mit permanentem oder paroxysmalen VHF und Schlaganfallrisiko o h n e Herzklappenprothese, -erkrankung mit hämodynamischer Signifikanz, schwerem Nierenversagen oder fortgeschrittener Lebererkrankung. Patienten mit sehr guter INR-Kontrolle unter Marcumar/Warfarin sollten n i c h t ohne Not umgestellt werden, da sind sich die US-Experten wohl auch mit der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) einig. Das Risiko größerer Blutungen oder intrakranieller Hämorrhagien war nicht signifikant gesteigert.

Es wäre schön, mit einer optimierten, risikoärmeren, unkomplizierten, oralen Therapie auch noch das Demenzrisiko senken zu können. Internistische Kardiologen u n d Neurologen, übernehmen Sie!

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Anmerkungen
* Gelbe Liste Pharmindex mmi 4/2010
** http://www.ahjonline.com/article/S0002-8703(09)00945-4/abstract zum Beitrag »

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