Ärzte Zeitung online, 22.06.2012

Vorhofflimmern: Kurzzeitig Antiarrhythmika nutzen

Nach Kardioversion verhinderte eine antiarrhythmische Kurzzeittherapie in einer Studie das Wiederauftreten von Vorhofflimmern zwar nicht ganz so gut wie eine Langzeitbehandlung. Als Option kommt sie nach Ansicht der Studienautoren dennoch in Betracht.

Vorhofflimmern: Antiarrhythmische Kurzzeittherapie beweist ihren Nutzen

© Andrea Danti / fotolia.com

MÜNSTER (ob). Vorhofflimmern lässt sich durch elektrische Kardioversion fast immer terminieren. Leider trübt ein frühes Wiederauftreten der Arrhythmie nur allzu oft den Erfolg dieser Behandlung.

Experten erklären sich das hohe Rezidivrisiko unter anderem mit Veränderungen der elektrophysiologischen Eigenschaften des Vorhofmyokards ("elektrisches Remodeling"), die in eine Verkürzung der atrialen Aktionspotenziale münden und so einer Perpetuierung des Vorhofflimmerns Vorschub leisten.

Der "Remodeling"-Prozess ist allerdings reversibel, und zwar dann, wenn nach Kardioversion der Sinusrhythmus einige Wochen lang aufrechterhalten werden kann.

Antiarrhythmika verlängern das Aktionspotenzial und wirken so der Entwicklung von Arrhythmie-Rezidiven entgegen.

Vor diesem Hintergrund hat sich eine Gruppe deutscher Kardiologen die Frage gestellt: Könnte es ausreichend sein, die antiarrhythmische Rezidivprophylaxe auf die kritischen ersten Wochen nach der Kardioversion zu beschränken, bis dass sich das Vorhofmyokard vom "Remodeling" wieder erholt hat - sprich: sich das atriale Aktionspotenzial wieder normalisiert hat?

Eine solche zeitliche Begrenzung könnte Risiken der Therapie minimieren und nicht zuletzt Kosten reduzieren.

Um eine Antwort zu bekommen, hat das Kompetenznetz Vorhofflimmern (AFNET) im Jahr 2007 unter Federführung der Professoren Paulus Kirchhof und Günter Breithardt eine Studie (Flec-SL) auf den Weg gebracht, deren Ergebnisse am 18. Juni im renommierten Fachblatt "The Lancet" online publiziert worden sind.

Für diese Studie sind an 44 Zentren in Deutschland mehr als 600 Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern und geplanter Kardioversion rekrutiert worden.

Nach erfolgreicher Kardioversion erfolgte die Randomisierung auf drei Gruppen: Während die Patienten der Kontrollgruppe nicht mit Antiarrhythmika behandelt wurden, erhielten alle übrigen eine Therapie mit Flecainid, die entweder auf vier Wochen oder sechs Monate befristet war.

Das Monitoring war sehr akribisch: Alle Patienten wurden angehalten, täglich per Telefon EKGs an ein Datenzentrum zu übertragen. Primärer Endpunkt war das im Holter-EKG dokumentierte Wiederauftreten von persistierendem Vorhofflimmern.

Zunächst wurden nach vier Wochen die kombinierten Ergebnisse beider Flecainid-Gruppen mit denen der Kontrollgruppe verglichen.

Dieser Vergleich ergab, dass Flecainid erwartungsgemäß Wirkung gezeigt und in puncto "rezidivfreies Überleben" Überlegenheit bewiesen hatte (70,2 versus 52,5 Prozent).

Dann wurde nach sechs Monaten Bilanz erneut gezogen. Hier zeigte sich, dass in der Gruppe mit antiarrhythmischer Kurzzeittherapie 120 (46 Prozent) und in der Gruppe mit Langzeittherapie 103 Patienten (39 Prozent) wieder persistierendes Vorhofflimmern entwickelt hatten.

Die Rechnung, schon mit der Kurzzeittherapie den Nutzen der Langzeitbehandlung zu erlangen, war demnach nur partiell aufgegangen.

Der Grund: Patienten, die innerhalb der ersten vier Wochen von Rezidiven verschont blieben, waren damit nicht automatisch aus der Gefahrenzone. Auch in der Folge waren - wenn auch seltener als im ersten Monat - Arrhythmie-Rückfälle zu beobachten, wobei auch in dieser Phase Flecainid das Risiko verringerte.

Obwohl die "Nicht-Unterlegenheit" der nur vierwöchigen Therapie nicht bestätigt wurde, sei die Kurzzeittherapie damit als Option nicht gleich aus dem Rennen, so die Studienautoren.

Immerhin seien damit bis zum Studienende etwa 80 Prozent der Wirkung einer sechsmonatigen Behandlung erreicht worden. Auch sei die Verbesserung der Lebensqualität in beiden Gruppen gleich gewesen.

In einer AFNET-Pressemitteilung zeigte sich Studienleiter Kirchhof überzeugt davon, dass die Studie die Praxis verändern könnte: "Auch wenn die antiarrhythmische Kurzzeittherapie nicht ganz so effizient ist wie die Langzeitbehandlung, so könnte sie trotzdem in bestimmten Fällen zum Einsatz kommen. Insbesondere für Patienten, die ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen oder Komplikationen haben, wäre eine Kurzzeitbehandlung eine sinnvolle Alternative. Wir hoffen, dass diese neuen Ergebnisse Eingang in die Behandlungsleitlinien zum Vorhofflimmern finden."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Engagement, das Früchte trägt

Jungen Menschen fehlt es an Gespür für ehrenamtliches Engagement? Ein Vorurteil, wie sich bei der Springer Medizin Gala gezeigt hat. Deutlich wurde auch, dass Engagement für Hilfsbedürftige auch den Sinn für das Politische schärft. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »