Ärzte Zeitung, 09.02.2005

Ein Sehtraining bringt die Welt von Pusher-Patienten wieder ins Lot

Schlaganfall-Patienten mit Pusher-Syndrom hilft eine preisgekrönte Therapie

TÜBINGEN (ars). Leiden Schlaganfall-Patienten mit Halbseitenlähmung zusätzlich am Pusher-Syndrom, ist die Rehabilitation besonders mühsam. Da die Patienten krankhaft zur gelähmten Seite hinüberdrücken, können sie Arm und Bein der gesunden Körperhälfte nicht sinnvoll einsetzen. Eine preisgekrönte Therapie kann die Symptome jetzt rasch deutlich bessern.

Ein halbseitig Gelähmter mit Pusher-Syndrom drückt krankhaft zur gelähmten Seite, weil er in aufrechter Position seine Haltung als gekippt empfindet. Foto: Karnath

Nach einem Schlaganfall der rechten oder linken Hemisphäre und einer Lähmung der jeweils gegenüberliegenden Körperhälfte stützen sich die Patienten auf die gesunde Seite, um die verlorene Stabilität wiederzuerlangen. Genau umgekehrt jedoch reagieren jene zehn Prozent der Patienten mit Halbseitenlähmung, bei denen noch ein weiteres Phänomen hinzukommt: das Pusher-Syndrom.

Die Betroffenen fühlen sich so, als sei ihr Körper um 20 Grad zur gesunden Seite gekippt und drücken deshalb reflektorisch zur gelähmten Seite hinüber, um sich in eine vermeintlich aufrechte Position zu bringen. Da sie sich mit der kranken Körperhälfte aber nicht abstützen können, ist die Gefahr groß, daß sie umfallen. Ursache für dieses kontraproduktive Verhalten ist eine Schädigung im Gleichgewichtsorgan des Thalamus.

"Grundlage des Visuellen Feedback-Trainings ist die Entdeckung, daß bei Pusher-Patienten die Raumorientierung durch den Gesichtssinn erhalten geblieben ist", so Professor Hans-Otto Karnath von der Universität Tübingen zur "Ärzte Zeitung". Karnath hat für diese Patienten ein spezielles Rehabilitations-Programm zusammen mit der Physiotherapeutin Doris Brötz erarbeitet.

Die visuellen Fähigkeiten werden bei einem einfachen Experiment augenfällig: Aufgefordert, einen Leuchtstab in einem dunklen Raum in die Senkrechte zu bringen, sind Menschen mit einer Vestibularisschädigung dazu nicht in der Lage, Pusher-Patienten aber sehr wohl - obwohl sie selber schräg sitzen.

Daher können sie ihre Störung durch Umherschauen kompensieren, zwar nicht spontan, aber mit entsprechender Anleitung. Auf dieser Erkenntnis baut das neue Training auf: Die Therapeutin macht die Patienten auf vertikale Strukturen wie Schränke oder Türrahmen aufmerksam und hilft ihnen, sich daran zu orientieren. Gegen Ende des mehrstufigen Kurses geschieht das unter erschwerten Bedingungen, zum Beispiel indem der Patient durch Gespräche oder Bewegungen abgelenkt wird.

Einer Studie zufolge bessern sich die Symptome bereits nach drei Wochen so deutlich, daß die Patienten an der Physiotherapie für einfache Halbseitenlähmung teilnehmen können. Ohne das Spezialtraining dauert es wesentlich länger, bis sie wieder zu alltagswichtigen Tätigkeiten imstande sind.

Für die Entwicklung des speziellen Rehabilitations-Programmes wurden Karnath und seine Mitarbeiterin im vergangenen Jahr mit einem Preis zur Erforschung der menschlichen Bewegung ausgezeichnet. Nun wirken sie in Fortbildungen darauf hin, ihre Therapie in die Rehabilitation einzubringen. An der Universitätsklinik in Tübingen wurde damit bereits im Herbst 2002 begonnen.

Weitere Infos und Vorstellung von Patienten bei Professor Hans-Otto Karnath, Neurologische Klinik der Uni Tübingen, Tel.: 07071-29 80465, Fax: -295957, E-Mail: karnath@uni-tuebingen.de

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