Ärzte Zeitung, 27.01.2009

Beugt Homocystein-Senkung Apoplexie vor?

Nach negativen Ergebnissen für eine Homocystein-senkende Therapie zur kardiovaskulären Sekundärprävention fordern Experten weitere Untersuchungen. Denn zur Primärprävention gibt es auch positive Daten zu Folsäuretherapien.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Gefäße von Herz und Gehirn werden bei erhöhten Homocysteinspiegeln im Blut häufiger krank als bei normalen Spiegeln.

Foto: Sebastian Kaulitzki©www.fotolia.de

Erhöhte Homocysteinspiegel im Blut korrelieren mit einer Zunahme an kardio- und zerebrovaskulären Ereignissen. Deswegen hatten viele Ärzte die Hoffnung, dass eine Homocystein-senkende Behandlung mit Folsäure die kardiovaskuläre Ereignisrate ähnlich reduzieren könnte wie etwa Statine das bei zu hohem LDL-Cholesterin tun. Diese Hoffnung hatte sich allerdings in mehreren großen, randomisiert-kontrollierten Studien zur kardiovaskulären Sekundärprävention nicht bestätigt (wir berichteten). Viele Wissenschaftler haben sich deswegen mittlerweile vom Homocystein abgewandt.

Professor Michael Linnebank vom Universitätsspital Zürich machte beim Psychiatriekongress in Berlin auf mehrere Kritikpunkte an den oft zitierten Negativstudien aufmerksam. Als Beispiel nannte er die Studie VISP*, an der 3680 Patienten mit Schlaganfall teilgenommen hatten. Sie wurden mit B-Vitaminen (B6, B12, Folsäure) in unterschiedlichen Dosierungen behandelt (wir berichteten). Es zeigte sich kein Unterschied beim primären Endpunkt, der Inzidenz erneuter Schlaganfälle.

"Zu den Problemen dieser Studie gehörte, dass sie keine Placebogruppe hatte. Außerdem hatten zehn Prozent der Patienten eine schwere Nierenfunktionsstörung, und auf die Homocystein- und Vitaminspiegel im Plasma war nicht geachtet worden", so Linnebank. Er wies auf eine Nachauswertung der VISP-Studie hin, bei der Patienten mit Niereninsuffizienz außen vor gelassen wurden. "Hier gab es eine 21-prozentige Verringerung bei Schlaganfällen, Todesfällen und Myokardinfarkten", so der Experte. Wurde auf kardiovaskuläre Risiken adjustiert, war dieser Unterschied allerdings nicht mehr statistisch signifikant.

Ein weiteres Problem bisheriger Studien zu Homocystein und B-Vitaminen könnte die Vermischung von Primär- und Sekundärpräventionsszenarien sowie eine meist zu kurze Therapiedauer gewesen sein, sagte Linnebank. So habe eine Meta-Analyse zur Primärprävention, bei der nur Folsäuretherapien berücksichtigt wurden, die mindestens ein halbes Jahr durchgehalten wurden, eine Verringerung der Schlaganfallinzidenz um 18 Prozent, bei sechsjähriger Therapie sogar um 37 Prozent gezeigt.

Linnebank ist deswegen der Auffassung, dass eine Behandlung mit B-Vitaminen sehr wohl präventiv gegen Schlaganfälle sei. Derzeit entspricht das aber weder den Leitlinien der nationalen oder internationalen neurologischen Fachgesellschaften noch den Empfehlungen der Bundesärztekammer.

Das Akronym VISP steht für: Vitamin Intervention for Stroke

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