Ärzte Zeitung, 05.02.2009

Von Aktivität bis Zahnhygiene - zur Prävention von Schlaganfällen gehört eine ganze Menge

Um Schlaganfälle zu verhindern, reichen Arzneien nicht aus. Meist ist eine Änderung des Lebensstils unerlässlich. Das fängt beim Abnehmen und bei mehr Bewegung im Alltag an und reicht bis zur Verbesserung der Zahnhygiene.

Von Thomas Meißner

Regelmäßige Bewegung stärkt nicht nur das Herz, sondern ist auch eine gute Methode, Schlaganfällen vorzubeugen.

Foto: DAK/Schläger

Die nichtmedikamentöse Schlaganfallprävention geht jeden an. Maßnahmen von der Gewichtsreduktion bis zur Zahnhygiene müssten ebenso große Priorität haben wie die Gerinnungskontrolle bei Antikoagulation oder die Blutdruckmessung bei Antihypertensiva-Behandlung, fordert der Kölner Neurologe Privatdozent Jan Sobesky.

Leider würden nichtmedikamentöse Therapieansätze nur unzureichend umgesetzt, beklagt er in "Der Nervenarzt" (79, 2008, 1156). Angesichts einer Neuerkrankungsrate von 150 bis 200 pro 100 000 Einwohnern im Jahr und einer Schlaganfall-Prävalenz von 700 pro 100 000 müsse mehr getan werden als nur pharmakologisch evidenzbasiert zu handeln, angefangen mit der Nikotinkarenz und dem Schutz vor Passivrauchen. Änderungen des Lebensstils bessern nachgewiesenermaßen sehr effizient das individuelle Risikoprofil, belegt der Neurologe von der Universitätsklinik Köln detailliert anhand der aktuellen wissenschaftlichen Literatur.

Mediterrane Kost reduziert Schlaganfallrate um 11 Prozent.

So sei zum Beispiel postprandial analog zum steilen Blutzuckeranstieg auch von einem mehrstündigen Lipidspiegelanstieg mit oxidativem Stress für das Gefäßendothel auszugehen. Dieser zeigt sich nur ungenügend am Cholesterin-Nüchternwert und wird von Statinen nur unvollständig abgefangen. Diese dynamische Endothelbelastung kann gemindert werden, indem die Cholesterinaufnahme reduziert und stattdessen eine an Antioxidantien reiche Kost bevorzugt wird, etwa mit einer Ernährung, die allgemein als mediterrane Diät bezeichnet wird. Dabei werden gesättigte durch ungesättigte Fettsäuren ersetzt, nicht aber durch Kohlenhydrate. So war zum Beispiel in der DASH*-Studie mit mediterraner Kost der Blutdruck signifikant um durchschnittlich 5,5 zu 3 mmHg gesenkt worden. Das Schlaganfallrisiko war in der Langzeitbeobachtung um 11 Prozent reduziert, die kardiovaskuläre Sterbe- und Erkrankungsrate waren um etwa 60 Prozent erniedrigt.

Körperliche Bewegung und Sport haben viele positive Auswirkungen. Bemerkenswert ist, dass Menschen in körperlich fordernden Berufen ein um 43 Prozent niedrigeres Schlaganfallrisiko haben als Menschen mit sitzenden Tätigkeiten. Körperliche Betätigung verbessert die Energie- und Lipidbilanz, reduziert das Körpergewicht und optimiert Herzfrequenz und Blutdruck. Außerdem reagiere der Körper auf Stress mit stabilen Reaktionsmustern, was sich kardiovaskulär protektiv auswirke, so Sobesky.

Am Gefäßendothel wird die Imbalance zwischen lokalen fibrinolytischen und prothrombotischen Faktoren durch sportliche Aktivität wieder ausgeglichen, die gestörte Kontrolle der inflammatorischen Reaktion und das gesteigerte Wachstum glatter Gefäßmuskulatur kommen wieder ins Lot.

Keine allgemeinen Empfehlungen gibt Sobesky jedoch zum Alkohol- und Kaffeekonsum sowie für Vitamine und Nahrungszusätze. Zwar sei besonders für Rotwein ein gewisser schützender Effekt bei Genuss mäßiger Mengen anzunehmen. Angesichts eindeutig neurotoxischer Wirkungen des Alkohols möchte der Neurologe jedoch regelmäßigen Alkoholgenuss nicht empfehlen. Vom Kaffee sind nach seinen Angaben sowohl ungünstige wie günstige Effekte zu erwarten. Studien, in denen der Zusammenhang zwischen Kaffeegenuss und Schlaganfallrisiko untersucht worden war, hatten widersprüchliche Ergebnisse erbracht. Und auch für Multivitamin- und Mineralpräparate sei die Datenlage inhomogen, so dass keine anwendbaren Hinweise abgeleitet werden können.

Dagegen sollten die Erfassung des Zahnstatus und die Motivation für eine gute Zahnhygiene Teil ärztlicher Empfehlungen zur kardiovaskulären Prävention sein. Seit zwei Jahrzehnten ist der Zusammenhang zwischen Gingivitis und Parodontitis sowie kardiovaskulären Erkrankungen bekannt. So nimmt die Intima-Media-Dicke als Atherosklerose-Parameter mit dem Zahnverlust sowie mit der Ausprägung einer Parodontitis zu. Bei Männern sei die Parodontitis sogar ein unabhängiger Risikofaktor für den Schlaganfall, betont Sobesky.

Schließlich macht Sobesky noch auf das obstruktive Schlafapnoesyndrom aufmerksam. Es erhöht das Risiko für die arterielle Hypertonie und für den Schlaganfall. Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe haben öfter Karotisstenosen als andere Menschen. Sobesky rät daher zur routinemäßigen (Fremd-) Anamnese der Schlafgewohnheiten und gegebenenfalls zu einer polysomnografischen Diagnostik.

*DASH bedeutet Dietary Approaches to Stop Hypertension Study

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