Ärzte Zeitung online, 15.12.2011
 

Vitaminpillen fördern Schlaganfall

Wer sich gesund ernährt, kann sein Schlaganfallrisiko mindern - vor allem mit einer salzarmen oder mediterranen Diät. Vitaminpillen einzunehmen hilft dagegen nicht - ganz im Gegenteil.

Von Thomas Müller

Vitaminpillen fördern Schlaganfall

Vitamine in Kapsel- und Tablettenform: Vor Schlaganfällen schützen sie kaum.

© Zelenenka Yuliia / shutterstock

PERTH. So langsam dürfte es sich herumsprechen, dass der Mensch zwar Vitamine benötigt, eine Nahrungsergänzung mit Vitaminen und Mineralstoffen aber keine ausgewogene Ernährung ersetzt und ein Übermaß an den angeblich so gesunden Substanzen mitunter sogar schadet.

Viele kontrollierte Studien haben gezeigt, dass von der Vitamin-Supplementation vor allem solche Menschen profitieren, die tatsächlich einen Vitaminmangel haben, dass Vitaminzusätze bei wohlernährten Menschen in der westlichen Welt aber weder das Krebsrisiko senken, noch vor Herz- und Gefäßerkrankungen schützen.

Risiko erhöht statt gesenkt

Häufig geschah in Studien sogar das Gegenteil: So ergab vor kurzem die Studie SELECT, dass 400 Einheiten Vitamin E pro Tag die Prostatakrebsrate um 17 Prozent erhöhen - eigentlich ging man davon aus, dass sie sinken würde.

Zuvor hatten schon Studien ergeben, dass Vitamin A bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko erhöht statt es zu senken.

Nicht viel besser sieht es bei der Schlaganfallprävention aus. Der australische Neurologe Professor Graeme Hankey hat sich in einer aktuellen Metaanalyse die Mühe gemacht, die Literatur nach Studien zu durchforsten, die sich um das Thema Ernährung und Schlaganfall drehen (Lancet Neurol 2011; 11: 66-81). Das Ergebnis ist ernüchternd:

Antioxidative Vitamine: Von den Vitaminen A, C und E hatte man sich bei der Schlaganfallprävention eigentlich am meisten versprochen. Sie sollten den oxidativen Stress in den Gefäßen lindern und so die Atherosklerose bremsen.

In drei Interventionsstudien zu Vitamin A mit über 80.000 Teilnehmern hatten die Studienärzte jedoch nichts davon bemerkt. Die Schlaganfallrate unterschied sich nicht signifikant von der in den Placebogruppen.

Dafür erhöhte Vitamin A in acht kontrollierten Studien mit knapp 140.000 Teilnehmern die Sterberate um 7 Prozent, und in sechs ähnlich großen Studien starben Teilnehmer mit Vitamin-A-Supplementation 10 Prozent häufiger an kardiovaskulären Erkrankungen.

Nicht viel besser sieht die Studienlage zu den anderen beiden Radikalfängern aus: Vitamin C scheint überhaupt keinen Effekt auf die Schlaganfallrate zu haben, zu Vitamin E gibt es widersprüchliche Daten.

In einer Analyse von sieben Studien mit zusammen 116.000 Teilnehmern stieg die Rate für hämorrhagischen Schlaganfall mit dem Vitamin um 22 Prozent, dafür sank die Rate für einen ischämischen Insult um 10 Prozent.

In einer Analyse mit 13 Studien und über 160.000 Personen gab es ebenfalls mehr hämorrhagische Schlaganfälle, aber keinen Nutzen bei ischämischen Ereignissen.

B-Vitamine: Sie sollen über eine Senkung des Homocysteinspiegels das Schlaganfallrisiko dämpfen. Die Nahrungsergänzung mit Folsäure und anderen B-Vitaminen reduzierte in acht Studien mit zusammen knapp 37.500 Teilnehmern aber weder das Risiko für Schlaganfall, noch für Krebs oder Herzinfarkt.

Ein Trost: Immerhin schadete die Therapie nicht. Forscher geben den B-Vitaminen aber noch eine Chance. So gibt es Hinweise, dass bei Folsäuremangel B-Vitamine durchaus das Apoplexrisiko senken können, was aber erst noch in größeren Studien bestätigt werden muss.

Vitamin D: Aus Beobachtungsstudien gibt es Hinweise auf eine Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel, Atherosklerose und Hypertonie. In zwei kontrollierten Studie zeigte eine Nahrungsergänzung mit dem Vitamin aber keine Effekte.

Mineralstoffe: Am besten untersucht ist der negative Effekt von Kochsalz auf den Blutdruck und das kardiovaskuläre Risiko. Dieses Risiko ließ sich in sechs kontrollierten Studien um 20 Prozent senken, wenn die Teilnehmer täglich etwa 2 Gramm weniger Kochsalz als zuvor konsumierten.

Kalium scheint dagegen protektiv zu wirken. Nach Daten von Beobachtungsstudien lässt sich mit einem Gramm zusätzlich pro Tag das Schlaganfallrisiko um 11 Prozent senken.

Allerdings fehlen hier harte und belastbare Zahlen aus kontrollierten Studien. Die gibt es teilweise für Kalzium: In Studien mit zusammen über 20.000 Teilnehmern war die Schlaganfallrate bei einer Kalzium-Supplementierung um etwa 20 Prozent erhöht.

Fettsäuren: Aus Beobachtungsstudien ergibt sich zumindest kein erhöhtes Schlaganfallrisiko für die als ungesund geltenden Transfettsäuren, auch nicht für gesättigte Fettsäuren.

Zu Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl gibt es widersprüchliche Daten: Eine Metaanalyse von elf kontrollierten Studien fand eine um 13 Prozent reduzierte Rate tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse, eine aktuelle Studie ergab dagegen keinen Nutzen, weder bei Schlaganfall noch bei Herzinfarkt.

Pflanzliche Omega-3-Fettsäuren waren in Beobachtungsstudien mit einem 30 bis 50 Prozent erniedrigten Schlaganfallrisiko verbunden, hier fehlen aber gänzlich aussagekräftige kontrollierte Studien.

Nahrungsmittel: Da man niemand dazu zwingen kann, über Jahre hinweg in einer Studie immer das gleiche zu essen, basieren sämtliche Aussagen dazu auf Befragungen aus Fall-Kontroll-Studien oder epidemiologischen Untersuchungen, was mit zahlreichen Fehlerquellen behaftet ist.

Nach diesen Angaben ist das Schlaganfallrisiko bei Personen die viel Obst und Gemüse, viel dunkle Schokolade, Tee, moderat Kaffee und viele Vollkornprodukte konsumieren, jeweils um 20 bis 30 Prozent reduziert, bei hohem Fleischkonsum dagegen um ein Viertel erhöht.

Ernährungsweisen: Wenig überraschend dürfte es sein, dass in epidemiologischen Studien eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Fisch, wenig rotem Fleisch und vielen Vollkornprodukten sowie ungesättigten Fettsäuren mit reduzierten Schlaganfallraten einherging.

Eine solche Ernährung wird etwa bei der Mittelmehr-Diät oder der speziell auf Hypertoniker zugeschnittenen DASH-Diät (Dietary Approaches to Stopp Hypertension) praktiziert. In Studien war damit die Schlaganfallrate etwa ein Fünftel geringer als mit anderen Ernährungsweisen.

Fazit: Insgesamt sieht der Neurologe Hankey einen doch sehr bescheidenen Einfluss von Vitaminen, Mineralien oder Ernährungsweise auf das Schlaganfallrisiko.

Mit Blick auf die Tatsache, dass eine Adipositas die Apoplexgefahr glatt verdoppelt, stelle sich eher die Frage wie viel und weniger was man essen soll.

[17.12.2011, 21:57:09]
Dr. Carlos Macarico 
Eine (weitere ) gute Hilfe für die Alltagspraxis
Vorab : Ich bin erschrocken über den Kommentar des vorherigen Autors und seine Aussage in Bezug auf die sog.Altersdiabetiker ! Aus der Praxiserfahrung kann ich nur sagen , dass in jeder Schulmedizinischen Praxis auch die Gewichtskontrolle eine Rolle spielt und JEDER , ausnahmslos, ( gelobt sei es ) nicht Insulinpflichtige Diabetiker mehr als Willig ist ( zumindest ist das in meiner Prais der Fall ) auch an seiner Nahrungsumstellung zu arbeiten und ich meinerseits auch bereits bin auf sog.Orthomol-Produkte zu verweisen ! Tatsache ist und bleibt aber , dass dank Dr.Google und Co. Menschen ,Supplemente jeglicher Art in sich hineinstopfen und wenn es " kracht " dann rennen die Patienten nicht zum Heilpraktiker oder zum Pfarrer in den Beichstuhl sondern zum bösen Onkel Doktor mit seinen chemisch-synthetischen Pillekens der dann wieder die Dinge ins rechte lot bringen soll ! Ich finde der Artikel ist eine weitere gute Arbeitshilfe für die tägliche Praxis und ich werde diesen Artikel auch meinen Patienten öffentlich zur Verfügung stellen , denn mir ist es lieber , meine Patienten fragen mir (unbezahlte ) Löcher in den Bauch als mir anhören zu müssen , dass irgendwas nicht mit denen stimmt ( grob ausgedrückt ) !  zum Beitrag »
[15.12.2011, 20:39:27]
PD Dr. Tim Peters 
Eine gute Zusammenfassung von evidenzbasierten Informationen
Endlich einmal eine zusammenfassende Darstellung des aktuellen Wissenstandes. Danke!
Es ist schade, dass es immmer wieder die Geschäftemacher und die mit ihnen verbundenen Medien schaffen, dass dank unseriöser Berichterstattung unsinnige und kostspielige Methoden und Nahrungsmittelzusätze gut verkauft werden. Da kommen im Widerspruch dazu dann auch gleich die Esoteriker oder die Orthomolekularier hervor und stellen unwissesnchaftliche, unhaltbare, und natürlich unbewewiesene Behauptungen auf. Vielleicht passt das doch besser in der "Apothekerzeitung"? zum Beitrag »
[15.12.2011, 17:31:26]
Thomas Hahndorf 
Die "bösen" Vitamine mal wieder
Leider wird in diesem Artikel nicht auf die vielen tausend Therapeuten eingegangen, die in Deutschland seit Jahrzehnten die Orthomolekulare Therapie erfolgreich an ihren Patienten einsetzen. Zu diesem Thema positive Studien, die um ein vielfaches mehr vorliegen, als negative, werden hier gar nicht erwähnt. Ich empfehle hier nur die Fachbücher von Apotheker Uwe Gröber, in welchen tausende Studienverweise die Wirksamkeit von Vitalstoffen bei vielen Stoffwechselerkrankungen belegen. Die Bemerkung: Ein gesunde Ernährung wäre die beste Prophylaxe wird immer gerne genannt. Doch wer ernährt sich "so" gesund? Ich habe in den letzten 23 Jahren tausende Patienten behandelt und kann sagen, dass sich davon etwa 1% "richtig" gesund ernährt hat und ich weiß, was gesunde Ernährung ist.

"Ein gesunder Mensch braucht keine Nahrungsergänzungsstoffe", wird oft argumentiert. Doch wer ist schon "richtig" gesund? Ich kenne kaum einen Menschen über 60 der nicht regelmäßig Medikamente nimmt. Fast alle Medikamente erhöhen den Bedarf an Vitalstoffen im Körper. Fachliteratur gibt es ausführlich zu diesem Problem, welches in keinem Beipackzettel erwähnt wird.

Chronisch kranke Menschen (wer über 60 ist nicht chronisch krank?) haben ebenfalls einen erhöhten Vitalstoffbedarf. Was genau ist ebenfalls in der Fachliteratur nachzulesen.

Jeder Orthomolekulartherapeut wird bestätigen, dass das deutsche Gesundheitswesen jedes Jahr Milliarden sparen könnte, wenn man nur die Altersdiabetiker (die leider zum größten Teil nicht Willens sind abzunehmen und gesund zu essen (sonst würde sich das Problem von selbst lösen)) mit Vitamin C, B-Komplex, Chrom und Zink versorgen würde.

Ich möchte nicht zu weit ausschweifen. Die Äußerungen des Autors zu Vitamin A und E sind weder neu noch unbekannt. Kein Therapeut dosiert diese Vitalstoffe so hoch, dass Nebenwirkungen zu erwarten sind.
Zum Thema Vitamin D scheint der Autor überhaupt keine aktuellen Studien gelesen zu haben. Dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung unter einem Vitamin D-Mangel leidet, welcher viele vermeidbare Folgeschäden provoziert, wird wohl erst in vielen Jahrzehnten unter Ärzten anerkannt werden.

Thomas Hahndorf, Heilpraktiker zum Beitrag »

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