Ärzte Zeitung, 22.05.2013
 

Fischöl

Prävention gerät ins Schwimmen

Omega-3-Fettsäuren schützen Risikopatienten nicht besser vor ersten Infarkten und Insulten als Olivenöl: Der Versuch italienischer Forscher, mit Fischöl die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität zu senken, ist gescheitert.

Von Robert Bublak

Prävention gerät ins Schwimmen

Fischöl in Kapseln ist nach einer Studie fürs Herz nicht gesünder als Olivenöl.

© HLPhoto / fotolia.com

MAILAND. An der doppelblinden und placebokontrollierten Studie der Risk and Prevention Collaborative Group waren rund 12.500 Patienten von 860 Allgemeinarztpraxen beteiligt.

Die Teilnehmer hatten ein Durchschnittsalter von 64 Jahren und galten als kardiovaskuläre Risikokandidaten: Fast jeder zweite war Diabetiker, bei knapp jedem dritten waren atherosklerotische Veränderungen bekannt, und jeder fünfte wies mindestens vier Risikofaktoren auf.

Einen Herzinfarkt hatte aber noch keiner erlitten. Die Hälfte der Probanden erhielt während der fünfjährigen Beobachtungsphase täglich eine Kapsel mit 1 g Omega-3-Fettsäuren, hauptsächlich bestehend aus Eicosapentaen- und Docosahexaensäure.

Die andere Hälfte, die Placebogruppe, schluckte täglich eine Kapsel mit 1 g Olivenöl (N Engl J Med 2013; 368: 1800-1808).

Keine relevanten Unterschiede

Als primäre Studienendpunkte dienten die kumulative Sterberate sowie die Raten nichttödlicher Herzinfarkte und zerebraler Insulte. Jedoch zeigte eine Zwischenauswertung nach einem Jahr, dass die Ereignisrate mit 1,4 die erwarteten 2 Prozent deutlich unterschritt.

Als primärer Endpunkt galt fortan die Kombination "Tod aus kardiovaskulärer Ursache" bzw. die Zeitspanne bis dahin und "stationäre Aufnahme wegen eines Herz-Kreislauf-Leidens".

Die Neudefinition des Endpunktes änderte aber nichts daran, dass sich zwischen der Fischöl- und der Olivenölgruppe keine relevanten Unterschiede auftaten. Der kombinierte primäre Endpunkt trat bei 11,7 Prozent der Probanden ein, die Omega-3-Fettsäuren schluckten.

Mit Placebo lag der Anteil bei 11,9 Prozent. Immerhin zeigte die gesonderte Auswertung nach Geschlechtern, dass Frauen einen signifikanten Nutzen aus dem Fischöl ziehen konnten - gegenüber Olivenöl lag die Rate für den primären Endpunkt bei ihnen 18 Prozent niedriger.

Durchgehender Nulleffekt

Auch die Quoten für die Einzelkomponenten des Endpunkts differierten nicht, ebenso wenig jene für weitere sekundäre Endpunkte wie Herzinfarkt, schwerwiegende Arrhythmien oder plötzlichen Herztod. Lediglich Klinikaufnahmen aufgrund einer Herzinsuffizienz kamen unter Fischöl seltener vor.

"Unsere Ergebnisse liefern keine Hinweise, dass Omega-3-Fettsäuren bei kardiovaskulären Risikopatienten, die noch keinen Infarkt erlitten haben, irgendeinen präventiven Nutzen in puncto kardiovaskulärer Morbidität oder Mortalität entfalten würden", resümieren die Wissenschaftler.

Der durchgehende Nulleffekt über alle Endpunkte hinweg lasse keine andere Interpretation zu.

Vielleicht gehe das negative Ergebnis auf ein für Italien typisches niedriges kardiovaskuläres Risikoprofil zurück; vielleicht aber auch darauf, dass die sonstige präventive Therapie der Studienteilnehmer ziemlich intensiv gewesen sei.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Fischöl bei die Fische

[22.05.2013, 14:27:10]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Aus für Fischöl-Kapseln
Bei dieser Gruppe von kardiovaskulären Hochrisikopatienten aus Italien waren vermutlich wegen der primär mediterranen Ernährungsweise die Ereignisraten der primären Endpunkten (kumulative Sterberate, nicht-tödliche Myokardinfarkte und Schlaganfälle) niedriger als erwartet. Deshalb erweiterte man nach dem ersten Beobachtungsjahr die primären Endpunkte verallgemeinernd auf den Zeitraum bis zum Tod an kardiovaskulärer Krankheit oder Krankenhausaufnahme wegen kardiovaskulärer Ursachen ["The initially specified primary end point was the cumulative rate of death, nonfatal myocardial infarction, and nonfatal stroke. At 1 year, after the event rate was found to be lower than anticipated, the primary end point was revised as time to death from cardiovascular causes or admission to the hospital for cardiovascular causes."].

Dies stimmt überein mit der signifikanten Senkung des kardiovaskulären Risikos bei der Primärprävention von spanischen Patienten mit weniger ausgeprägten Grundkrankheiten und mediterraner Ernährungsweise, verstärkt durch Olivenöl und Nüsse gegenüber allgemein fettarmer Ernährung. Bis zu 30 Prozent niedrigere Risikoprofile wurden erreicht: Estruch R, Ros E, Salas-Salvadó J, et al. Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet. N Engl J Med 2013. http://www.springermedizin.de/mittelmeer-kueche-schlaegt-fettarme-kost/4038316.html

Omega-3-Fischölkapsel-Einnahme ist jedoch n i c h t identisch mit dem Essen von fettem See-Fisch. Langkettige mehrfach ungesättigte (O-3-FS) Omega-3-Fettsäuren, auch "n-3 LCPUFA = n-3 long chain polyunsaturated fatty acid" genannt, werden in industrialisierten Ländern mit hohem Risiko von Adipositas, Hyperlipidämie, Hypertonie, KHK, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz und invasiven Herzoperationen pharmazeutisch meist als Ethylester von O-3-FS verkauft. Bei uns in Deutschland enthalten Omacor®/Zodin® Kapseln je 840 mg veresterte O-3-FS. Atlantischer Lachs besteht dagegen zu 1,8 %, Sardellen 1,7 %, pazifische Sardinen 1,4 %, atlantischer Hering 1,2 % und die Makrele zu 1 % aus unveresterten O-3-FS = n-3 LCPUFA. 300 g Lachs als einmalige Großportion bringt etwa 5400 mg und 300 g Makrele 3000 mg Omega-3-Fettsäuren. Leinöl (Linum usitatissimum) hat 56–71 % O-3-FS-Gehalt bzw. Walnussöl 13 %. In einer omega3-loges® Kapsel werden 504 mg O-3-FS, davon 420 mg unveresterte Eicosapentaen- + Docosahexaensäure angegeben. Selbst wenn diese Substanzmenge bei den teuren Fischölkapseln v e r d o p p e l t würde, hätte man immer noch im Verhältnis zu frischem See-Fisch eine viel zu geringe Menge an Wirksubstanz.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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