Ärzte Zeitung, 15.07.2016

Richtige Lebensweise

Fast jeder Schlaganfall vermeidbar

Ein Paukenschlag: 90 Prozent der der Schlaganfall-Folgen sind vermeidbar. Aber wie schützt man sich?

Von Robert Bublak

Schlaganfall-AH.jpg

Moderne Gesellschaft: Schlaganfälle werden immer häufiger, dabei ließen sie sich vermeiden.

© freshidea / Fotolia

Weltweit erleiden jährlich etwa 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. Sechs Millionen davon sterben, fünf Millionen bleiben dauerhaft behindert.

Für Deutschland spricht der aktuelle Gesundheitsbericht des Bundes von mehr als 290.000 Patienten, die im Jahr 2013 eine Schlaganfalldiagnose erhalten haben.

Laut den deutschen Daten sterben im ersten Jahr nach dem Insult rund 24 Prozent der Betroffenen, und knapp 36 Prozent sind im ersten Quartal nach einem Schlaganfall einer Pflegestufe zugeordnet.

Schlaganfall? Meistens vermeidbar

Angesichts solcher Zahlen reibt man sich nach der Lektüre einer Studie zu den globalen, durch Schlaganfälle verursachten Gesundheitslasten die Augen. Hiernach sind 90 Prozent der Belastungen durch Schlaganfälle modifizierbaren Risikofaktoren zuzuschreiben.

Geeignete Maßnahmen zur Kontrolle dieser Faktoren vorausgesetzt, könnten drei von vier Insulten vermieden werden.

Wissenschaftler unter Führung von Professor Valery Feigin von der University of Technology in Auckland, Neuseeland, schließen das aus den Daten der Ende 2015 publizierten Untersuchung "Global Burden of Disease", die sie in Bezug auf zerebrale Insulte analysiert haben (Lancet Neurol 2016; online 9. Juni).

Die allermeisten Insulte vermeiden – bedenkt man, dass Schlaganfälle eine der Hauptursachen für Behinderungen im Erwachsenenalter sind, ist das ein atemraubendes Potenzial.

Den Berechnungen von Feigin und Kollegen liegt das Konzept der "Disability-Adjusted Life Years" (DALY) zugrunde. Die deutsche Übersetzung dafür lautet "behinderungsbereinigte Lebensjahre".

Das atmet zwar die Luft einer Welt, in der die Poesie auf Excel-Tabellen geschrieben steht. Und tatsächlich stammt der Ausdruck aus der Finanzwelt, er wurde erstmals vor über 20 Jahren im Weltentwicklungsbericht der Weltbank geprägt. Doch DALY ermöglichen Vergleiche, die sonst kaum möglich wären.

Disability-Adjusted Life Years

Grob gesagt werden DALY aus der Zahl, der mit einer Behinderung zugebrachten Jahre berechnet, multipliziert mit einem Faktor zwischen 0 und 1, je nach Ausmaß der Behinderung. 0 steht dabei für volle Gesundheit, 1 für Tod.

DALY sind damit die Summe aus den Lebensjahren, die durch vorzeitigen Tod verloren gehen, und der verlorenen guten Lebenszeit, die vor dem Tod auf Behinderungen zurückgeht. Maß der Lebenszeit ist die durchschnittliche Lebenserwartung.

Dieses Werkzeug lässt sich für jede Population nach Alter, Geschlecht, Land und Rechnungsjahr zurecht schmieden. So wird es möglich, für einzelne Risikofaktoren regional und global zu ermitteln, wie viel sie zur Insultlast beitragen. Dafür werden die für Schlaganfälle berechneten DALY mit dem Anteil multipliziert, der auf den fraglichen Faktor als Verursacher von Schlaganfällen in der jeweiligen Bevölkerung entfällt.

Hoher Blutdruck ist Gefahr Nummer eins

Allgemein ist der systolische Blutdruck der mit Abstand wichtigste Einzelfaktor. Angenommen wird dabei, dass ein systolischer Druck von unter 120 mmHg das geringste Schlaganfallrisiko birgt.

Je nach den tatsächlich in der Population vorhandenen Werten wirkt sich die systolische Druckerhöhung auf die Insultlast aus: In Deutschland (wie auch global) sind rund 60 Prozent der DALY mit dem systolischen Blutdruck assoziiert.

Andere Faktoren, wie ungesunde Ernährung oder hoher Body-Mass-Index, rangieren deutlich dahinter.

Hohes Risiko auch durch Luftverschmutzung

Global gesehen steht fast ein Drittel der insultbedingten DALY mit der Luftverschmutzung in Verbindung. Während in den hoch entwickelten Ländern die Belastung durch Feinstaub der Partikelgröße PM 2,5 seit 1990 um gut ein Drittel gesunken ist, hat sie in den weniger entwickelten Gegenden zwischen 33 und 50 Prozent zugelegt.

Freilich entfällt in diesen Ländern ein nicht geringer Anteil an dicker Luft auf die Verfeuerung fester Brennstoffe wie Holz im Haushalt. Doch auch in Deutschland, wo kaum noch über offenem Feuer gekocht wird, beträgt der Anteil an den Insult-DALY durch Luftverschmutzung immerhin zehn Prozent.

Nicht berechnen konnten Feigin und Kollegen, wie stark beispielsweise Vorhofflimmern und Drogenmissbrauch bei den Schlaganfall-Zahlen zu Buche schlagen. Für diese Risikofaktoren gab es in den meisten Ländern keine epidemiologischen Daten.

Das Fazit bleibt trotz dieser Lücke bestehen. Denn global ist für fast drei Viertel der Insult-DALY ungesundes Verhalten mitverantwortlich: die Kombination von Rauchen, ungesunder Ernährung und wenig Bewegung.

Ob uns der Schlag trifft und wie viele gute Jahre uns das kostet, hängt damit hauptsächlich davon ab, wie wir leben - und davon, ob wir dieses Leben ändern.

robert.bublak@springer.com

[18.07.2016, 15:46:03]
Thomas Georg Schätzler 
Einfältige Deutsch-Tümelei?
Bei all meiner Kritik, die sich ausschließlich gegen eine m. E. völlig wertlose LANCET-Publikation richtet: Robert Bublak hat einen hervorragenden ÄZ-Artikel geschrieben, der Licht- und Schattenseiten dieser Veröffentlichung genau beleuchtet.

Was aber eine schon orthografisch falsch gestellte Frage von Heilpraktiker Armin Reitz aus Wiesmoor bedeuten soll: "Kann Robert das auch deutsch schreiben?", die aus einfältiger Wiederholung des Originalartikels besteht, erschließt sich mir nicht wirklich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[17.07.2016, 10:14:55]
Wolfgang P. Bayerl 
auch wenn das wieder gelöscht wird
die höchste "Feinstaubbelastung" gerade bei uns ist in bewohnten geschlossenen Räumen und entsprechenden geschlossenen Arbeitsplätzen.
Das ist wichtig bei der gleichzeitig immer geforderten "Energieeinsparung" mit "luftdichter" Isolierung. zum Beitrag »
[16.07.2016, 00:39:53]
Thomas Georg Schätzler 
So leid es mir tut, Robert Bublak,
aber diese Publikation ist aus folgenden Gründen völlig wertlos:

1. In "Global burden of stroke and risk factors in 188 countries, during 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013" von Valery L Feigin et al. wurden soziodemografisch, kulturell und ökonomisch völlig unterschiedliche Länder und deren Krankheits-, Lebens- und Arbeitsbedingungen in ebenso allgemeine wie einheitliche Intepretations-Muster gezwängt, dass eine differenzierte Einzelanalyse unmöglich ist.

2. Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer wurden über 14 Jahre evaluiert und deren völlig unterschiedliches Schlaganfall- und Risikofaktoren-Geschehen detektiert ["high-income countries and low-income and middle-income countries, from 1990 to 2013"].

3. Deshalb gibt es auch keine Schlussfolgerung 'Conclusion', sondern nur eine (relativ unverbindliche) Auslegung der Daten "Interpretation" bzw. Suggestionen: ["Interpretation - Our results suggest that more than 90% of the stroke burden is attributable to modifiable risk factors, and achieving control of behavioural and metabolic risk factors could avert more than three-quarters of the global stroke burden"]. Und nicht 90% Modifizierung der Risikofaktoren, sondern nur 75% wegen endogener Zwangsläufigkeit des Schlaganfall-Geschehens.

4. Luftverschmutzung spielt zweifelsfrei eine große Rolle. Aber eben nicht betrügerische Abgasmanipulationen an VW-Dieselaggregaten in industrialisierten Ländern, sondern offene Feuerstellen in den einfachen Behausungen der Schwellen- und Entwicklungsländer ["Air pollution has emerged as a significant contributor to global stroke burden, especially in low-income and middle-income countries, and therefore reducing exposure to air pollution should be one of the main priorities to reduce stroke burden in these countries"].

5. Offene häusliche Feuerstellen lassen sich nicht 'per ordre de mufti' abstellen, sondern werden Jahrzehnte bestehen bleiben, ebenso wie man Bewohner an schmutzigen Hauptverkehrsstraßen der Metropolen und Ballungsgebiete nicht einfach zwangsweise in Villen und Gartenanlagen der Reichen umsiedeln kann.

6. "stroke-related disability-adjusted life-years (DALYs) associated with potentially modifiable environmental, occupational, behavioural, physiological, and metabolic risk factors in different age and sex groups worldwide" negiert völlig Alterungs-, Degenerations- und Hirnabbau-Prozesse bzw. Verlust an Elastizität cerebraler Blutgefäße. Diese lassen sich gerade nicht modifizieren.

7. Das "stroke-related disability-adjusted life-years (DALYs)" verkommt zur Beliebigkeit, wenn 17 direkt benennbare Risikofaktoren mit 6 Risiko-Häufungen ('cluster') und 3 verschiedenen Inputs bzw. hohem BMI, systolischem Bluthochdruck und hohem Gesamtcholesterin kombiniert werden sollen ["17 risk factors (air pollution and environmental, dietary, physical activity, tobacco smoke, and physiological) and six clusters of risk factors by use of three inputs: risk factor exposure, relative risks, and the theoretical minimum risk exposure level...high body-mass index (BMI), through other risks, such as high systolic blood pressure (SBP) and high total cholesterol"].

Die LANCET-Publikation http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422%2816%2930073-4/fulltext
scheitert mit ihrem völlig übersteigerten Anspruch, beim Schlaganfall alles mit allem global erklären und gleichzeitig modifizieren zu wollen, ohne auf die einzelnen Bedingungen in 188 verschiedenen Ländern dieser Welt näher eingehen zu wollen. Das ist u. a. rausgeworfenes Geld der Bill und Melinda Gates Stiftung ["Funding - Bill & Melinda Gates Foundation, American Heart Association, US National Heart, Lung, and Blood Institute..."].

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[15.07.2016, 10:28:32]
Armin Reitz 
Kann Robert das auch deutsch schreiben?
Kann Robert das auch deutsch schreiben?
Fast jeder Schlaganfall vermeidbar
Ärzte Zeitung, 15.07.2016
Richtige Lebensweise
Ein Paukenschlag: 90 Prozent der der Schlaganfall-Folgen sind vermeidbar. Aber wie schützt man sich?
Von Robert Bublak
FOTO © freshidea / Fotolia
Weltweit erleiden jährlich etwa 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. Sechs Millionen davon sterben, fünf Millionen bleiben dauerhaft behindert.
Für Deutschland spricht der aktuelle Gesundheitsbericht des Bundes von mehr als 290.000 Patienten, die im Jahr 2013 eine Schlaganfalldiagnose erhalten haben.
Laut den deutschen Daten sterben im ersten Jahr nach der Beleidigung / Kränkung (Insult) rund 24 Prozent der Betroffenen, und knapp 36 Prozent sind im ersten Quartal nach einem Schlaganfall einer Pflegestufe zugeordnet.
Schlaganfall? Meistens vermeidbar
Angesichts solcher Zahlen reibt man sich nach der Lektüre einer Studie zu den globalen, durch Schlaganfälle verursachten Gesundheitslasten die Augen. Hiernach sind 90 Prozent der Belastungen durch Schlaganfälle abänderbaren Risikofaktoren zuzuschreiben.
Geeignete Maßnahmen zur Kontrolle dieser Faktoren vorausgesetzt, könnten drei von vier Insulten (s. oben- apoplectic Insult (=Schlaganfall) vermieden werden.
Wissenschaftler unter Führung von Professor Valery Feigin von der University of Technology in Auckland, Neuseeland, schließen das aus den Daten der Ende 2015 publizierten Untersuchung "Global Burden of Disease", die sie in Bezug auf zerebrale Insulte (Hirnvorfall) analysiert haben (Lancet Neurol 2016; online 9. Juni).
Die allermeisten Insulte vermeiden – bedenkt man, dass Schlaganfälle eine der Hauptursachen für Behinderungen im Erwachsenenalter sind, ist das ein atemraubendes Potenzial.
Den Berechnungen von Feigin und Kollegen liegt das Konzept der "Disability-Adjusted Life Years" (DALY) zugrunde. Die deutsche Übersetzung dafür lautet "behinderungsbereinigte Lebensjahre".
Das atmet zwar die Luft einer Welt, in der die Poesie auf Excel-Tabellen geschrieben steht. Und tatsächlich stammt der Ausdruck aus der Finanzwelt, er wurde erstmals vor über 20 Jahren im Weltentwicklungsbericht der Weltbank geprägt. Doch DALY ermöglichen Vergleiche, die sonst kaum möglich wären.
Disability-Adjusted Life Years
Grob gesagt werden DALY aus der Zahl, der mit einer Behinderung zugebrachten Jahre berechnet, multipliziert mit einem Faktor zwischen 0 und 1, je nach Ausmaß der Behinderung. 0 steht dabei für volle Gesundheit, 1 für Tod.
DALY sind damit die Summe aus den Lebensjahren, die durch vorzeitigen Tod verloren gehen, und der verlorenen guten Lebenszeit, die vor dem Tod auf Behinderungen zurückgeht. Maß der Lebenszeit ist die durchschnittliche Lebenserwartung.
Dieses Werkzeug lässt sich für jede Population nach Alter, Geschlecht, Land und Rechnungsjahr zurecht schmieden. So wird es möglich, für einzelne Risikofaktoren regional und global zu ermitteln, wie viel sie zur Insultlast beitragen. Dafür werden die für Schlaganfälle berechneten DALY mit dem Anteil multipliziert, der auf den fraglichen Faktor als Verursacher von Schlaganfällen in der jeweiligen Bevölkerung entfällt.
Hoher Blutdruck ist Gefahr Nummer eins
Allgemein ist der systolische Blutdruck der mit Abstand wichtigste Einzelfaktor. Angenommen wird dabei, dass ein systolischer Druck von unter 120 mmHg das geringste Schlaganfallrisiko birgt.
Je nach den tatsächlich in der Population vorhandenen Werten wirkt sich die systolische Druckerhöhung auf die Insultlast aus: In Deutschland (wie auch global) sind rund 60 Prozent der DALY mit dem systolischen Blutdruck assoziiert.
Andere Faktoren, wie ungesunde Ernährung oder hoher Body-Mass-Index, rangieren deutlich dahinter.
Hohes Risiko auch durch Luftverschmutzung
Global gesehen steht fast ein Drittel der insultbedingten DALY mit der Luftverschmutzung in Verbindung. Während in den hoch entwickelten Ländern die Belastung durch Feinstaub der Partikelgröße PM 2,5 seit 1990 um gut ein Drittel gesunken ist, hat sie in den weniger entwickelten Gegenden zwischen 33 und 50 Prozent zugelegt.
Freilich entfällt in diesen Ländern ein nicht geringer Anteil an dicker Luft auf die Verfeuerung fester Brennstoffe wie Holz im Haushalt. Doch auch in Deutschland, wo kaum noch über offenem Feuer gekocht wird, beträgt der Anteil an den Insult-DALY durch Luftverschmutzung immerhin zehn Prozent.
Nicht berechnen konnten Feigin und Kollegen, wie stark beispielsweise Vorhofflimmern und Drogenmissbrauch bei den Schlaganfall-Zahlen zu Buche schlagen. Für diese Risikofaktoren gab es in den meisten Ländern keine epidemiologischen Daten.
Das Fazit bleibt trotz dieser Lücke bestehen. Denn global ist für fast drei Viertel der Insult-DALY ungesundes Verhalten mitverantwortlich: die Kombination von Rauchen, ungesunder Ernährung und wenig Bewegung.
Ob uns der Schlag trifft und wie viele gute Jahre uns das kostet, hängt damit hauptsächlich davon ab, wie wir leben - und davon, ob wir dieses Leben ändern.
robert.bublak@springer.com
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