Ärzte Zeitung online, 17.03.2017
 

Kohortenstudie

Durch Kiffen mehr frühe Schlaganfälle?

Cannabis steht unter dem Verdacht, das Auftreten von Schlaganfällen im jungen Alter zu begünstigen. In einer schwedischen Kohortenstudie hat sich dieser Zusammenhang nicht bestätigt. Vielmehr scheint Tabakrauchen der entscheidende Risikofaktor zu sein.

Von Veronika Schlimpert

Durch Kiffen mehr frühe Schlaganfälle?

Die meisten Cannabis-Konsumenten rauchen die Droge zusammen mit Tabak in Form von Joints.

© laurent hamels/fotolia.com

STOCKHOLM. Der Konsum von Cannabis wird in der Literatur mit dem Auftreten von Schlaganfällen besonders im jüngeren Alter in Verbindung gebracht. Doch das große Problem bei solchen zumeist retrospektiven Fallstudien ist, dass sich der Konsum nicht isoliert betrachten lässt.

Bekanntlich konsumieren die meisten "Kiffer" auch Tabak und die Droge selbst wird in der Regel zusammen mit Tabak in Form von sogenannten Joints geraucht. Ob also Cannabis kausal das Schlaganfallrisiko erhöht oder ob der damit einhergehende Tabakkonsum der entscheidende Risikofaktor ist, ist unklar.

Die meisten Kiffer rauchen auch

Schwedische Wissenschaftler um Dr. Daniel Falkstedt vom Karolinska Institut haben nun versucht, den Zusammenhang von Cannabis-Konsum und dem Schlaganfallrisiko isoliert vom Tabakrauchen zu untersuchen (Stroke 2017; 48: 265-7).

Dafür analysierten die Forscher einen umfassenden Datensatz einer nationalen Wehrpflicht-Untersuchung. In dem Datensatz wurde der Gesundheitsstatus von insgesamt 49.321 schwedischen Männern, die in einem Alter zwischen 18 und 21 Jahren zur Musterung (zwischen den Jahren 1969 und 1970) einberufen worden sind, detailliert dokumentiert – auch deren Drogenkonsum.

Die im jungen Alter häufig Cannabis konsumierenden Männer (> 50 Mal) wiesen zwar ein erhöhtes Risiko auf, vor dem 45. Lebensjahr einen ischämischen Schlaganfall zu erleiden (Hazard Ratio [HR] von 0,56). Nach Adjustierung auf Tabakkonsum und Alkohol schwand der Zusammenhang jedoch vollständig(HR: 0,93). Schlaganfälle vor dem 60. Lebensjahr kamen bei den starken Cannabis-Konsumenten ebenfalls gehäuft vor(HR: 1,82). Aber auch hier wurde die Assoziation deutlich abgeschwächt, wenn auf Tabakkonsum adjustiert wurde(HR: 1,47). Tabakrauchen (> 20 Zigaretten pro Tag) hingegen erhöhte das Schlaganfallrisiko um das Fünffache. Dabei zeigte sich auch nach Adjustierung auf diverse Risikofaktoren eine eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehung. Für starken Alkoholkonsum ließ sich ebenfalls kein eindeutiger Zusammenhang mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko belegen(HR:1,56).

Keine eindeutige Assoziation

Somit habe diese Studie keine eindeutige Assoziation zwischen Cannabis-Konsum im frühen Erwachsenenalter und dem Auftreten eines Schlaganfalls in jüngerem Alter belegen können, resümieren Falkstedt und seine Kollegen. "Wichtig zu erwähnen ist der eindeutige Zusammenhang zwischen Tabak- und Cannabis-Konsum in dieser Kohorte", fügen sie hinzu.

Tatsächlich gab es nur sehr wenige Fälle, bei denen ein Schlaganfall bei einer Person aufgetreten war, die zwar viel Marihuana, aber wenig Tabak und Alkohol konsumiert hatte.

Frage bleibt ungeklärt

Wie Falkstedt und Kollegen betonen, verdeutlicht dies die Schwierigkeit, bei solchen Studien auf potenzielle Störfaktoren zu kontrollieren: "Die Assoziation zwischen Cannabis-Konsum und Schlaganfallrisiko ist weder bei Nichtkonsumenten von Tabak und Alkohol noch bei Tabak- und Alkoholkonsumenten quantifizierbar."

Des Weiteren fehlen in dieser Untersuchung Informationen darüber, wie sich der Konsum im weiteren Leben entwickelt hat. Ebenso gibt es keine Verlaufsdaten bezüglich des BMI, Blutdrucks und weiteren Faktoren.

Natürlich ist auch fraglich, ob Teilnehmer einer Musterung ihren Drogenkonsum immer wahrheitsgetreu angeben. Daher ist die Frage, inwieweit Cannabis das Schlaganfallrisiko unabhängig beeinflusst, wohl auch durch diese Studie nicht endgültig zu beantworten.

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