Ärzte Zeitung, 02.03.2005

Thrombozytopenie und keine Blutung ist HIT-II verdächtig

Thromboserisiko nach orthopädischer Op durch Heparin

KÖLN (ner). Heparin-induzierte Thrombozytopenien (HIT) nach großen orthopädischen Eingriffen werden oft verkannt, warnen Kölner Transfusionsmediziner. Die HIT Typ II geht mit einer 30prozentigen Sterbe- und 20prozentigen Amputationsrate einher - Behandlungsfehler können fatal sein.

Bei Patienten mit HIT Typ II kommt es trotz massiven Abfalls der Thrombozytenzahl nicht zu Blutungen, sondern es liegt bei den Betroffenen ein prokoagulatorischer Zustand vor, wie Susanne M. Picker und Professor Birgit S. Gathof von der Universität Köln in der Zeitschrift "Der Orthopäde" (33, 2004, 1300) berichten.

Denn es handelt sich um eine Reaktion, bei der molekulare Immunkomplexe die Thrombozyten und Endothelzellen aktivieren. Es werden Thrombozytentrümmer freigesetzt, die die Gerinnungskaskade aktivieren. "Auf diese Art wird ein Antikoagulans paradoxerweise zum Prokoagulans. Das Thromboserisiko steigt um mehr als das 20fache", so Picker und Gathof.

Das sofortige Absetzen des Heparins reicht in dieser Situation nicht aus, die Gerinnung muß weiter gehemmt werden - jedoch keinesfalls mit Vitamin-K-Antagonisten. Denn die Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren (II, VII, IX, X) liegen zunächst weiter in hoher Konzentration vor, was das hämostaseologische Ungleichgewicht weiter verstärkt.

Kompatible Alternativen zum Heparin sind vielmehr Danaparoid-Natrium (Orgaran®) oder rekombinantes Hirudin (Refludan®). Erst bei ausreichender Antikoagulation mit diesen Mitteln kann die orale Antikoagulation begonnen werden, erinnern die Wissenschaftlerinnen.

Typisch für eine HIT Typ II ist, daß sie mit einer Latenz von fünf bis 20 Tagen nach Beginn einer Heparin-Therapie auftritt. Die Thrombozytenzahl fällt sehr schnell um mehr als 50 Prozent des höchsten Ausgangswertes. Selbst bei extrem niedrigen Thrombozytenzahlen (weniger als 5 x 109/l) ist das Thromboserisiko höher als das Blutungsrisiko.

Picker: "Ein stark thrombozytopenischer Patient, der nicht blutet, ist hoch verdächtig auf HIT Typ II." In einem solchen Fall sollte der entsprechende Antikörpernachweis veranlaßt, aber das Ergebnis nicht abgewartet, sondern sofort behandelt werden, betonen sie und ihre Kollegin.

STICHWORT

HIT Typ I und Typ II

Die HIT Typ I tritt vor allem zu Beginn einer hochdosierten systemischen Behandlung mit unfraktioniertem Heparin (UFH) auf, die HIT Typ II dagegen mit einer durchschnittlichen Latenz von etwa einer Woche. Die Inzidenz von HIT Typ II wird mit 0,5 (NMH) bis 3,0 Prozent (UFH) angegeben. Die Thrombozytenzahl sollte daher einmal vor sowie zweimal wöchentlich nach Beginn der Heparin-Therapie kontrolliert werden. Für Fondaparinux wurden bisher keine HIT-Typ-II-Fälle beschrieben. (ner)

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