Ärzte Zeitung, 13.10.2016

Thrombose

Hausärzte haben Schlüsselrolle

Beim Welt-Thrombose-Tag 2016 steht die Umsetzung der neuen Leitlinien im Blickpunkt. Dabei geht es vor allem um die Dauer der medikamentösen Therapie.

Von Hauke Gerlof

Hausärzte haben Schlüsselrolle

An Thrombose oder Lungenembolie sterben schätzungsweise 40.000 bis 100.000 Menschen pro Jahr in Deutschland.

© freshidea / fotolia.com

BERLIN. Es sind plötzliche Todesfälle wie der von Philipp Mißfelder im vergangenen Jahr, die das Krankheitsbild von Lungenembolie und Thrombose gelegentlich in den Blickpunkt rücken.

Der CDU-Politiker war im Sommer 2015 mit nicht ganz 36 Jahren an einer Lungenembolie gestorben. Doch in der Regel ist die öffentliche Wahrnehmung der beiden Erkrankungen nicht sehr ausgeprägt.

"Dabei sterben jedes Jahr allein in Deutschland mehr Menschen an Thrombose oder Lungenembolie als durch Verkehrsunfälle, Brustkrebs, Prostata-Ca und Aids zusammen", sagt Professor Rupert Bauersachs, Leiter des "Aktionsbündnis Thrombose".

40.000 bis 100.000 Tote seien durch die beiden Erkrankungen jedes Jahr zu beklagen, erläutert Bauersachs, der auch Chefarzt der Angiologie/Gefäßklinik in Darmstadt ist, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die Schätzungen seien deshalb so ungenau, weil bei vielen plötzlichen Todesfällen die genaue Todesursache unklar bleibe.Man könne davon ausgehen, dass die Inzidenz der Thrombose etwa bei 1 zu 1000 liege, die der Lungenembolie bei 0,6 zu 1000.

Hier habe sich in den vergangenen Jahren insgesamt nur wenig getan. "Die Prophylaxe in den Kliniken ist sehr gut", erläutert Bauersachse, das drücke die Zahlen in der Tendenz.

Die demografische Entwicklung führe dagegen zu einer Zunahme der Inzidenz, auch wenn es wie bei Philipp Mißfelder auch in jungen Jahren zu einer Thrombose kommen könne.

Aktionsbündnis besteht seit 2014

Um die öffentliche Wahrnehmung stärker auf die beiden Krankheitsbilder zu lenken, ist der Welt-Thrombose-Tag ins Leben gerufen worden. In diesem Jahr hat das Aktionsbündnis den Tag unter den Schwerpunkt Umsetzung der Leitlinien gestellt.

Das Aktionsbündnis besteht seit 2014 und ist von der Deutschen Gesellschaft für Angiologie gegründet worden. Mit dabei sind mehrere Fachgesellschaften, darunter die Deutsche Gesellschaft für Phlebologie, die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung sowie die Deutsche Gefäßliga. Schirmherr der Veranstaltungen zum Welt-Thrombose-Tag ist Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU).

Mit seiner Aufklärungskampagne "Risiko Thrombose – Es gibt eine Lösung" weist das Bündnis auf die Risiken von Venenthrombose und Lungenembolie hin. Sie solle das öffentliche Bewusstsein für Prävention, Diagnose und Therapie schärfen, damit weniger Menschen durch die Folgen einer Thrombose sterben, führt Bauersachs weiter aus. "Wir wollen auch die Awareness bei Ärzten erhöhen", betont der Angiologe.

Die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten bei Patienten mit Thrombose oder Lungenembolie laufe eigentlich sehr gut, führt Bauersachs weiter aus. Die Diagnostik funktioniere in Deutschland dank klarer Algorithmen – D-Dimer, Kompressionsultraschall und Wells-Score – hervorragend.

Das habe vor rund zehn Jahren bereits das Tulipa-Register (Thrombose mit und ohne Lungenembolie bei Patienten im ambulanten Bereich) gezeigt. "Manchmal könnte vielleicht aufgrund der Symptome die Verdachtsdiagnose noch früher gestellt werden, das würde die Therapiemöglichkeiten noch weiter verbessern", so Bauersachs.

"Hausärzte haben hier auf jeden Fall eine Schlüsselrolle", betont der Angiologe. Bei Thromboseverdacht leite der Hausarzt zum Phlebologen oder Internisten weiter. Die Therapie werde dann beim Spezialisten eingeleitet und beim Hausarzt fortgeführt.

Mit NOAK, Heparin und Vitamin-K-Antagonisten gebe es auch genug Therapieoptionen. NOAK seien vielleicht etwas teurer, dafür seien aber die Betreuungskosten geringer als etwa bei Phenprocoumon, weil unter dieser Therapie ja die Blutgerinnung häufiger kontrolliert werden müsse.

Die Umsetzung der aktuellen S2k-Leitlinie Thrombose und Lungenembolie und der aktuellen S3-Leitlinie zur Vorbeugung thromboembolischer Ereignisse für die Qualität der Patientenversorgung bildet 2016 den Schwerpunkt des Welt-Thrombose-Tages.

Die Leitlinien seien kürzlich von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) publiziert worden.

Wie lange therapieren?

In den neuen Leitlinien ist laut Bauersachs unter anderem präzisiert worden, welche Patienten nach Thrombose oder Lungenembolie wie lange therapiert werden müssen. So benötigten Tumorpatienten meist eine länger als sechs Monate dauernde Sekundärprophylaxe.

Länger therapiert werden müssten auch Patienten, die eine Lungenembolie oder eine Thrombose ohne erkennbaren Auslöser bekommen haben.

Auch nach einer zweiten Thrombose oder bei einem postthrombotischen Syndrom ist laut Bauersachs die Therapie zu verlängern. Bei Männern sei das Rezidivrisiko generell höher als bei Frauen, auch hier sei daher eher eine längere Therapie angezeigt.

Drei bis sechs Monate Therapie reichten dagegen bei Patienten aus, die nach einem Skiunfall mit Eingipsung oder nach einer längeren Flugreise eine Thrombose bekommen haben.

Auch bei Frauen, die unter Pille eine Thrombose entwickeln, reiche eine kürzere Therapie der Blutverdünnung aus, so Bauersachs.

[13.10.2016, 21:27:10]
Wolfgang Bensch 
Was ist "kürzer" und was "länger dauernd"?
Ziemlich "luftige" Angabe der hehren Wissenschaft - im Zweifelsfall hat natürlich der Arzt wieder falsch verordnet ...
oder verstehe ich alles falsch? zum Beitrag »

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