Ärzte Zeitung, 01.12.2009

Noch zu rasch: Antibiotika bei Otitis media

Das laufende Ohr bei einem Kind mit liegendem Paukenröhrchen ist nicht notwendigerweise eine Indikation zur Antibiotikatherapie. Denn das Ohr läuft in dieser Situation bei jedem Infekt mit.

Von Thomas Meißner

zur Großdarstellung klicken

Das Ohr eines Patienten wird untersucht. Bei Mittelohentzündung ist Fieber über 39 Grad eine Indikation zur Antibiotikatherapie.

Foto: Keth Frith © fotolia.de

FRANKFURT AM MAIN. Das laufende Ohr bei einem Kind mit liegendem Paukenröhrchen sei ein häufig missverstandenes Phänomen, sagte Professor Gerhard Grevers aus München/Starnberg. Das Paukenröhrchen diene der Entlastung des Mittelohrs, so der HNO-Arzt bei einer Fortbildungsveranstaltung für Pädiater in Frankfurt am Main. Die Sekretion sei nur eine Begleitreaktion der Mittelohrschleimhaut bei Infektionen aufgrund der Verbindung zwischen Nasenrachenraum mit Mittelohr. Eine Mittelohrentzündung bei intaktem Trommelfell sei im Vergleich dazu sogar gefährlicher, wenn es zu Komplikationen kommen sollte, so Grevers. Diese Komplikationen seien insgesamt zwar selten, kämen aber besonders bei solchen Kindern vor, die sehr lange erfolglos mit Hausmitteln behandelt worden sind, ohne dass ein Arzt konsultiert wurde.

Bei Kindern unter sechs Jahren sind akute Mittelohrentzündungen der Hauptgrund für Antibiotikaverschreibungen, obwohl die Spontanheilungsquote hoch ist. Studiendaten haben ergeben, dass der routinemäßige Gebrauch von Antibiotika den Kindern nur mäßig nützt.

Zudem treten Komplikationen wie die Mastoiditis in der Europäischen Union nur bei ein bis vier Patienten pro 100 000 auf, die Fazialisparese in 0,005 Prozent der Fälle. Nach Grevers' Angaben müssten 1400 Kinder mit akuter Mittelohrentzündung antibiotisch behandelt werden, um eine Mastoiditis zu verhindern. Er verwies auf die zunehmenden Antibiotika-Resistenzraten.

Wirklich angezeigt sind Antibiotika lediglich bei Fieber über 39°C in den letzten 24 Stunden und/oder starker Otalgie oder bei deutlich reduziertem Allgemeinbefinden sowie bei beidseitiger akuter Otitis media in den ersten drei Lebensjahren. Grevers empfahl zunächst für 24 bis 72 Stunden abzuwarten mit Schmerztherapie und abschwellenden Nasentropfen.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So teilt sich die Arbeitszeit von Ärzten auf

Wie viel Zeit bringen Ärzte für GKV-Patienten auf, wie viel für Bürokratie? Wie sind die Unterschiede in Stadt- und Landpraxen und den Fachbereichen? Wir geben Antworten. mehr »

Sepsis – "häufigste vermeidbare Todesursache im Land"

Alle sechs bis sieben Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch an einer Sepsis. Viele dieser Todesfälle wären vermeidbar. Ärzte, Patientenschützer und Politiker fordern jetzt: Die Blutvergiftung muss als Notfall akzeptiert werden. mehr »

"Hacker kommen wie durch eine offene Tür in Arzt-Systeme"

Nehmen niedergelassene Ärzte Gefahren durch Cyber-Angriffe ernst genug? Sie selbst glauben das mehrheitlich. Ein Sicherheitsexperte gießt Wasser in den Wein. mehr »