Ärzte Zeitung online, 05.03.2010

EU-Zulassung für Neurostimulator gegen Tinnitus

JÜLICH (eb). Seit Ende Februar ist ein neues Gerät zur Behandlung von chronischem Tinnitus auf dem europäischen Markt zugelassen: der Tinnitus-Neurostimulator T30CR. Er bekämpft das Klingeln im Ohr durch gezielte akustische Reize.

Eingesetzt wird der Stimulator derzeit für die Behandlung von chronischem, subjektivem, tonalem Tinnitus. Dabei verursachen Fehlsteuerungen im Gehirn das permanente Ohrgeräusch: Statt gezielt und nacheinander feuern Nervenzellen übermäßig und gleichzeitig Signale ab. Diesen Gleichtakt unterbricht der Neurostimulator. Durch gezielte akustische Reize stört er die krankhaft überaktiven, hochsynchronen Nervenzellverbände und führt sie so in ein "gesundes Chaos" zurück.

Basis der Therapie ist die Coordinated Reset (CR) Technologie, die Professor Peter Tass am Forschungszentrum Jülich entwickelt hat. CR steht für einen mathematisch-physikalischen Stimulationsalgorithmus, der schwache Impulse, individuell angepasst, zu verschiedenen Zeiten an die synchronen Nervenzellverbände schickt und sie so "aus dem Takt" bringt.

In der Praxis erfolgt die Therapie bei einem HNO-Facharzt, der das individuelle akustische Tinnitus-Profil des Patienten aufnimmt. Dann programmiert er den streichholzschachtelgroßen Neurostimulator entsprechend mit einer koordinierten Tonfolge, deren Lautstärke knapp über der Hörschwelle liegt.

Der Patient trägt den Neurostimulator mit seinen medizinischen Kopfhörern für mehrere Stunden pro Tag über einen Zeitraum von mehreren Monaten und danach nur noch nach Bedarf. Die Anwendung erfolgt zu Hause. Da der Tinnitus im Laufe der Therapie tiefer und leiser wird, ist eine mehrmalige Nachjustierung des Stimulators in der HNO-Praxis notwendig.

"Das Besondere an dem Verfahren ist: Durch diese Stimulation bauen sich die Nervennetzwerke im Hirn wieder um. Deshalb erreichen wir mit unserem Stimulator auch nicht nur eine maskierende Wirkung, sondern eine dauerhafte Linderung der Beschwerden", so Tass.

Erste Ergebnisse zeigen, dass die Lautstärke der Ohrgeräusche und die empfundene Belästigung durch den Tinnitus kontinuierlich abnahmen -nach zwölf Behandlungswochen bereits um 40 und 33 Prozent -, in der Placebogruppe hingegen nur um neun und acht Prozent. Die Tinnitus-Frequenz wurde zudem tiefer und damit angenehmer.

"Bei einigen Patienten ist ein Tinnitus-Ton, der schon über viele Jahre bestand, bereits komplett verschwunden", so Tass. Die bisherigen Ergebnisse basieren auf dem Zwischenstand einer klinischen Studie an 45 Patienten.

Topics
Schlagworte
HNO-Krankheiten (741)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So hoch ist die Lebenserwartung in der Welt

Wer als Junge in Deutschland geboren wird, darf sich im Schnitt auf 78 Jahre freuen. Wie hoch ist die Lebenserwartung in anderen Ländern der Welt? Wir geben die Antwort. mehr »

Pflege-Eigenanteil deckeln!

16:41Viele Bürger beklagen, dass Pflegeheime teuer sind, berichtet die DAK in ihrem Pflegereport. Kassenchef Storm schlägt nun vor, den Eigenanteil zu beschränken. Das entflammt eine neue Debatte über die Pflege-Finanzierung. mehr »

Der Gesundheitsminister will das E-Rezept

Krankenkassen, Ärzte und Apothekerschaft sollen in ihren Rahmenverträgen das elektronische Rezept ermöglichen. Eine gesetzliche Verpflichtung soll bis 2020 stehen. mehr »