Ärzte Zeitung online, 23.09.2011

Tsunami-Schnupfen voll Sand und Eiter

TOKIO (chh). Wer von einem Tsunami mitgerissen wird, kann froh sein, wenn er überlebt - im wahrsten Sinne des Wortes kann er aber die Nase gestrichen voll haben: Denn Meerwasser und Sand, die tief in die Nase gepresst werden, bereiten noch Wochen danach Probleme - es droht die Tsunami-Sinusitis.

Tsunami-Schnupfen voll Sand und Eiter

Sinus-CT und das aus den Nebenhöhlen gespülte Sekret (A) links: flüssiges und undurchsichtiges Material in den Kieferhöhlen (Pfeile); rechts: nach der zweiten Spülung ist das undurchsichtige Material verschwunden. (B) Inhalt der Kieferhöhlen (links) und der linken Keilbeinhöhle (rechts); der Pfeil zeigt auf den Sand.

© Baba S et al., Lancet 2011; 378:1116

Shintaro Baba und seine Kollegen aus Tokio berichten vom Fall einer Frau, die bei der Tsunami-Katastrophe an Japans Küste Anfang 2011 beinahe ertrunken war (Lancet 2011; 378: 1116).

Die 31-Jährige kam eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in die Uniklinik. Sie hatte die Flutwelle überlebt, aber Meerwasser aspiriert, sich die Brustwirbelsäule gebrochen und eine Lungenentzündung zugezogen.

Die Pneumonie besserte sich unter Antibiotika, das Fieber der Frau und ihr hoher Wert für das C-reaktive Protein (CRP) sanken jedoch nicht. Die Ärzte beschlossen die Nebenhöhlen der Patientin zu spülen, da sie im CT flüssige Substanz in Kiefer- und Keilbeinhöhlen entdeckt hatten.

Eiter und Sand in einer Nasennebenhöhle

Unter lokaler Anästhesie förderten sie grünes, eitriges Sekret und Sand aus beiden Kieferhöhlen. Das Spülen der Keilbeinhöhlen ließ der schlechte Gesundheitszustand der Frau zu diesem Zeitpunkt nicht zu. Bereits am nächsten Tag ging ihr Fieber zurück und der CRP-Wert sank.

Drei Wochen später klagte die Frau über starke Kopfschmerzen. Ihr CRP-Wert war wieder gestiegen und noch immer füllte flüssige Substanz die Keilbeinhöhlen. Erst als die Ärzte auch dort Eiter und Sand entfernten, besserte sich der Zustand der Patientin dauerhaft.

Die Entzündung ausgelöst hatten Bakterien, die vermutlich mit verunreinigtem Meerwasser in die Nebenhöhlen gelangt waren. Die Ärzte konnten Pseudomonas aeruginosa, Proteus vulgaris und Escherichia coli nachweisen.

Ähnlicher Fall aus Thailand bekannt

Bereits 2005 hatten thailändische Ärzte von einem ganz ähnlichen Fall berichtet. Ein 35-jähriger Mann war bei der Tsunami-Katastrophe an der Küste Thailands 2004 beinahe ertrunken.

Aus seinen Nebenhöhlen spülten die Ärzte damals ebenfalls Eiter und Sand. Im New England Journal of Medicine publizierten sie den Fall anschließend unter dem Titel "Tsunami Sinusitis" (NEJM 2005; 352: e23).

Auch im Fall aus Thailand hatten die Ärzte Bakterien im Sekret aus den Nebenhöhlen gefunden: Aeromonas veronii und hydrophila, Klebsiella pneumoniae, Escherichia coli und Proteus mirabilis.

Eine einheitliche Behandlung der Tsunami-Sinusitis hat sich bisher aber nicht etabliert. Die charakteristische Sinusitis zu kennen, empfehlen die Ärzte aus Tokio jedoch jedem, der Tsunami-Opfer behandelt.

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