Ärzte Zeitung online, 28.12.2011

Silvester wird dieses Jahr noch lauter

Eine EU-Richtlinie macht es seit längerem möglich, doch erst jetzt zeigt sie ihre Wirkung: Feuerwerk kann richtig krachen, denn in einer Feuerwerksbatterie dürfen jetzt bis zu 500 Gramm Sprengmasse stecken. HNO-Ärzte warnen.

Silvester wird dieses Jahr noch lauter

Viereckiger Kracher: Feuerwerksbatterien dürfen nun 500 statt 200 Gramm Gesamtmasse enthalten.

© Patrick Seeger / dpa

BONN (eb/nös). Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO KHC) in Bonn warnt vor Gehörschäden durch Silvesterknaller.

Da Feuerwerk aufgrund einer EU-Harmonisierung jetzt mehr Zündstoff enthalten darf, könnten in diesem Jahr die Explosionen zu Silvester noch lauter werden als bisher.

Jährlich erleiden rund 8000 Menschen in Deutschland eine Verletzung des Innenohres durch explodierende Feuerwerkskörper, teilt die Gesellschaft mit. Die Folge eines solchen Knall- oder Explosionstraumas sind Hörverlust und Tinnitus.

Betroffene können bestimmte hochfrequente Töne nicht mehr wahrnehmen. Mitunter spüren sie stechende Schmerzen im Ohr, Schwindel, und das Ohr fühlt sich verstopft an.

Männer erleiden häufiger ein Knalltrauma als Frauen

"Die Symptome klingen zwar häufig ab, doch in vielen Fällen bleibt das Gehör für Monate, Jahre oder sogar lebenslang geschädigt - und dies oft schon ab dem Kindes- oder Jugendalter", wird Professor Roland Laszig aus Freiburg, Past-Präsident der DGHNO KHC, in der Mitteilung zitiert.

Besonders häufig treten Knalltraumen in der Altersgruppe zwischen 6 und 25 Jahren auf - bei Männern dreimal so oft wie bei Frauen.

Im Sinne der Harmonisierung europäischer Gesetze sei die deutsche Sprengstoffverordnung (SprengV) gelockert worden: Statt 200 Gramm Sprengmasse dürfen in einer Feuerwerksbatterie nun 500 Gramm stecken.

Nach Auskunft der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) gilt die neue EU-Richtlinie bereits seit dem 1. Oktober 2009. Doch erst im vergangenen Jahr wurde sie in deutsches Recht überführt.

Seitdem konnten die Hersteller größere Feuerwerkbatterien produzieren. Da die Prüfung und Zertifizierung allerdings Zeit in Anspruch nimmt, wird das neue Angebot erst in diesem Jahr richtig deutlich.

Gegen die Spätfolgen hilft oft nur ein Hörgerät

Mit dem höheren Grenzwert verdoppelt sich die Sprengkraft der Batterien, warnen die HNO-Ärzte. Laien zündelten jetzt mit Sprengstoffmengen, die bislang nur Pyrotechniker zugänglich waren, so die DGHNO KHC.

Feuerwerksboxen mit einem Gewicht von 17 Kilogramm seien heute nicht selten, so Laszig: "Von der Menge des Sprengstoffs besteht zudem eine direkte Korrelation zur Lautheit, dies setzt die Ohren extremen Belastungen aus", erläutert der Direktor der Freiburger Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik.

Explodieren Feuerwerkskörper in einer Nähe von weniger als zwei Metern, wirken auf die Ohren etwa 25 Millisekunden lange Schallimpulse. Sie erreichen Spitzen von bis zu 160 Dezibel (dB) Schalldruckpegel, Schreckschusspistolen sogar über 180 dB.

Lautstärke ergibt sich aus einer Kombination aus Schalldruck und Dauer. "Deshalb nimmt das Ohr diese kurzen Spitzenpegel der Knallkörper weniger als Lärm war und ist für Hörschäden besonders empfänglich", sagt Laszig.

Hörsinneszellen, Stützzellen und andere Teile der sogenannten Hörschnecke im Innenohr nehmen dabei bleibenden Schaden. Gegen die Spätfolgen hilft oft nur noch ein Hörgerät.

Aufklärung über Gefahren durch Impulslärm gefordert

Hörstörungen stehen weltweit an zweiter Stelle der Ursachen, die zu Behinderungen führen, berichtet die DGHNO KHC. Die Zahl der Innenohrverletzungen in Deutschland zu Silvester sei so hoch wie die Zahl der Hörstürze in Ländern der westlichen Welt innerhalb eines Jahres.

Das Gehör von männlichen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sei zusätzlich durch andere Arten von Freizeitlärm gefährdet - etwa durch laute Musik aus Kopfhörern, in Diskotheken oder Konzerten.

Um Gehörschäden zu vermeiden, gilt es über die Gefahren von Impulslärm durch Feuerwerkskörper und Signalpistolen aufzuklären, fordern die Experten der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie.

Eltern, Lehrer, Ärzte und auch Mitarbeiter von Jugend- und Sozialeinrichtungen könnten dabei helfen. Vor allem aber müsse die Politik durch entsprechende gesetzliche Regelungen Menschen vor diesem Lärm schützen, anstatt eine Aufweichung dieser Beschränkungen zuzulassen.

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