Ärzte Zeitung, 15.02.2017
 

Druckausgleich

Bei Problemen nach Tauchfehlern fragen!

Tauchen ist in Deutschland längst zum Breitensport geworden. Tauchfehler können zu Mittelohrbarotrauma mit Hörminderung führen und im schlimmsten Fall dauerhafte Schäden hinterlassen.

Von Thomas Meissner

Probleme mit dem Druckausgleich: Nach Tauchfehlern fragen!

Probleme mit dem Druckausgleich haben viele Taucher und stellen sich deswegen beim Arzt vor.

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Mehr als fünf Millionen Deutsche ab 14 Jahre gehen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ab und zu tauchen, 680.000 tun dies regelmäßig. Tauchmedizinische Erkrankungen betreffen zu etwa 80 Prozent den HNO-Bereich. Diese reichen von der Badeotitis bis zum Barotrauma des Mittelohrs oder der Nasennebenhöhlen sowie Erkrankungen des Innenohrs. "Manche tauchmedizinischen Erkrankungen unterscheiden sich nicht von der Behandlung bekannter HNO-ärztlicher Krankheiten, während für die Behandlung anderer Tauchunfälle spezielle Vorkenntnisse notwendig sind", so Privatdozent Christoph Klingmann aus München in einem Beitrag für "HNO-Nachrichten" (2015; 45: 34-39).

Um rezidivierende Gehörgangsentzündungen zu vermeiden, empfiehlt Klingmann, keine Manipulationen im Gehörgang vorzunehmen, diesen vor Wind und Wetter zu schützen und ihn gegebenenfalls mit klarem Wasser zu spülen sowie danach trocken zu föhnen. Zur Prophylaxe haben sich desinfizierende Ohrentropfen bewährt sowie bei trockenen Gehörgangsekzemen ein Tropfen Babyöl vor dem Tauchen sowie am Abend. Hilft das alles nicht, werden gehörgangabschließende Masken genutzt.

Druckbedingte Schädigungen

Weitere Beschwerden oder Taucherkrankheiten haben ganz wesentlich etwas mit dem Gasgesetz nach Boyle-Mariotte zu tun. Demnach halbieren sich Gasvolumina, wenn sich der Umgebungsdruck verdoppelt. Dies betrifft also luftgefüllte Hohlräume des Körpers wie das Mittelohr, die Nasennebenhöhlen oder den Gehörgang – wenn dieser nicht mit Wasser gefüllt ist. Die ersten Meter des Abtauchens seien die gefahrenträchtigsten, erläutert Klingmann. "Es kommt in diesem Tauchbereich häufig zu druckbedingten Schädigungen." Warum das so ist, verdeutlicht folgendes Rechenbeispiel: Ein Luftvolumen von angenommen 10,0 Litern an der Wasseroberfläche (Umgebungsdruck: 1 bar) würde sich in zehn Metern Tiefe (Umgebungsdruck: 2 bar) auf 5,0 Liter verringern, in zwanzig Metern Tiefe auf 3,3 Liter. Erst bei 30 Metern hat sich der Druck erneut verdoppelt (4 bar), hier würde das ursprüngliche Volumen auf 2,5 Liter reduziert sein.

Wegen dieses physikalischen Zusammenhangs bewirkt ein zu schneller Abtauchvorgang einen rasch zunehmenden Unterdruck in der Paukenhöhle, das Trommelfell bewegt sich einwärts und kann perforieren. Deshalb ist der Druckausgleich über die Eustachische Röhre während des Abstiegs so wichtig. "Ursache des Mittelohrbarotraumas ist häufig ein frustraner Druckausgleichsversuch", erklärt Klingmann. Übersteige die Druckdifferenz zwischen Pauke und Epipharynx einen bestimmten Wert, reiche die Muskelkraft nicht mehr aus, um die Tube zu öffnen. Typisch für eine stattgehabte Trommelfellperforation ist es, wenn der Taucher über ein Nachlassen des Schmerzes, selten auch über Drehschwindel berichtet. Eine milde Form des Mittelohrbarotraumas ist die Hörminderung nach dem Tauchen.

Weniger oft tritt ein Mittelohrbarotrauma während des Auftauchens auf, etwa wenn der Taucher erkältungsbedingt zuvor abschwellende Nasentropfen genommen hat. Das Abtauchen ist dann womöglich gelungen, beim Auftauchen schwillt aber nun die Schleimhaut an, die durch den Unterdruck gereizt worden ist. Beim Aufstieg bemerkt der Taucher Schmerzen und müsste den Vorgang eigentlich abbrechen. Das ist naturgemäß wegen des begrenzten Sauerstoffvorrats in der Tauchflasche nicht möglich.

Mittelohrbarotrauma

Behandelt wird bei Mittelohrbarotrauma bevorzugt mit abschwellenden und analgetischen Maßnahmen. Ein rupturiertes Trommelfell wird geschient und wegen des eingedrungenen Wassers muss lokal und systemisch mit Antibiotika behandelt werden.

Probleme mit dem Druckausgleich haben viele Taucher und stellen sich deswegen beim Arzt vor. Klingmann empfiehlt, zunächst nach Tauchfehlern zu fragen, etwa einem zu späten Beginn des Druckausgleichs oder einer nicht korrekten Tarierung (Ausgleich von Auftrieb und Abtrieb mit Luft und Bleigewichten). HNO-technische Befunde wie Sonographie, Tonaudio- und Tympanometrie fallen meist regelrecht aus.

Konservatives Tubentraining

Hilfreich können ein konservatives Tubentraining und die Schleimhautpflege mit nasalen Kochsalzspülungen und topischen Kortikoiden sein. Der Taucher soll dann zum Beispiel 50 Mal pro Tag den Druckausgleich vornehmen. Urlaubstaucher können vier Wochen vor Ferienbeginn mit dem Training starten. Hilft dies auch nicht, ist die Ballondilatation der Eustachischen Röhre möglich. Dies erfordert eine Vollnarkose, Verklebungen im knorpeligen Anteil der Röhre werden dadurch beseitigt.

Eine Komplikation des Mittelohrbarotraumas kann das Innenohrbarotrauma sein mit gegebenenfalls permanentem Funktionsverlust des cochleovestibulären Systems. Bemerkt der Taucher die typischen Schmerzen und gelingt der Druckausgleich nicht, wird unter Umständen ein forciertes Valsalva-Manöver ausgeführt. Dies kann zur Ruptur der Rundfenstermembran in der lateralen Wand des Labyrinthvorhofs führen.

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