Ärzte Zeitung, 21.12.2017

Otitis media

6 Gründe für eine Antibiose bei Ohrenschmerz

Insgesamt gering sind die Antibiotikaeffekte bezüglich Schmerzen und Heilung einer akuten Mittelohrentzündung bei Kindern. Für eine Antibiose sprechen allerdings ein geringes Lebensalter, bilaterale Manifestation und eine Otorrhoe.

Von Ludger Riem

KÖLN. In der Altersgruppe bis 18 Jahre kommt es in Deutschland bezogen auf 1000 Personenjahre zu 560 Antibiotikaverschreibungen. Insgesamt deutlich zu viel, befand Professor Johannes Liese, Uniklinik Würzburg, beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in Köln. Dass es auch anders geht, zeigen unsere holländischen Nachbarn. Dort belässt man es bei 294 Verschreibungen.

Verkürzte Symptome (Schmerzen, Fieber), die Vermeidung von Komplikationen und eine verminderte Ansteckungsfähigkeit – in der Hoffnung auf derlei Effekte zücken in der ambulanten Pädiatrie tätige Ärzte hierzulande im Umgang mit (banalen) Infektionen die Rezeptblöcke – nach Ansicht von Liese vielfach unbegründet. Der gut gemeinten Verordnung stehe die Tatsache entgegen, dass Antibiotika bei manchen dieser Infektionen, naturgemäß vor allem bei viral bedingten, keine oder nur geringe klinische Effekte haben. Zu beachten sind zudem die direkten Nebenwirkungen und der Einfluss auf Mikrobiom und Resistenzentstehung.

Zwar gerade noch signifikant, aber insgesamt gering sind etwa die Antibiotikaeffekte bezüglich Schmerzen und Heilung einer akuten Mittelohrentzündung (AOM). Das weisen von Liese beim Kongress in Köln präsentierte Ergebnisse einer entsprechenden "Cochrane-Analyse" nach. Auch im Spontanverlauf sind nach einer Woche 90 Prozent der Kinder wieder gesund, und bereits nach zwei bis vier Tagen kommt es zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden.

Nach Angaben des Würzburger Pädiaters müssten 200 Kinder antibiotisch behandelt werden, um bei einem Kind die Schmerzen zu verhindern. Dem gegenüber steht eine "Number needed to harm" (NNH) von 14. Das heißt: Bei 14 Kindern mit Antibiotikabehandlung kommt es zu einer Episode mit Durchfall, Erbrechen oder Hautausschlag.

Für eine Antibiotikaverordnung bei AOM sprechen grundsätzlich ein geringes Lebensalter, eine bilaterale Manifestation und eine Otorrhoe. Orientiert man sich an den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), sollen Kinder bis zum sechsten Lebensmonat sowohl bei sicherer als auch bei fraglicher Diagnose einer AOM antibiotisch behandelt werden – bevorzugt mit Amoxicillin als Mittel der ersten Wahl.

Nach von Liese vorgestellten Daten der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahre 2012 wurde Amoxicillin nach Diagnose einer nicht-eitrigen Mittelohrentzündung hingegen nur bei gut einem Drittel der Patienten verordnet. Bei Kindern zwischen dem sechsten und 23. Lebensmonat ist bei fraglicher Diagnose sehr wohl primär ein zuwartendes Verhalten vertretbar. Jenseits des zweiten Lebensjahres können nach Angaben Lieses auch nicht schwere Verläufe einer akuten Mittelohrentzündung erst einmal nur beobachtend begleitet werden.

In folgenden Konstellationen hält Liese die antibiotische Behandlung für unabdingbar:

  • Alter < 6 Monate
  • Immundefizienz
  • kraniofaziale Fehlbildungen
  • Cochlearimplantat
  • rezidivierende AOM
  • Warnzeichen für Komplikationen im Sinne von Erbrechen/unzureichende Flüssigkeitsaufnahme, Rötung, Schwellung oder Klopfschmerz über dem Mastoid, Drehschwindel, Fazialisparese, Hörstörung seit mehr als einer Woche.
  • Leitlinie Ohrenschmerzen

    - Von der DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin) gibt es die "Leitlinie Ohrenschmerzen".

    - Sie enthält auch Tipps zur Antibiose bei Otitis media

    www.awmf.org > Suche mit "Ohrenschmerzen"

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