Ärzte Zeitung online, 22.01.2018

Hörverlust

Was Schwerhörigkeit mit Angehörigen macht

Wie eine Glasglocke stülpt sich Schwerhörigkeit über einen Menschen – manchmal von einem Tag auf den anderen. Das macht nicht nur den Betroffenen zu schaffen, sondern auch deren Angehörigen.

Von Susanne Zahn

Was Schwerhörigkeit mit Angehörigen macht

Schwerhörigkeit beeinflusst das gesamte soziale Umfeld eines Menschen .

© ArTo/stock.adobe.com

BERLIN. Roger Reichardt geht zur Tür: Etwas leiser sprechen bitte. Der Geräuschpegel der Gespräche im Nebenzimmer reicht aus, um ihm beim Hören Probleme zu bereiten. Denn Reichardt ist von Geburt an schwerhörig. Er berät im HörBIZ Berlin, einem Sozialdienst für Hörgeschädigte.

Dabei unterstützt ihn Sandra Markoff. Ihre Mutter ist seit langem schwerhörig. Sie weiß, dass Schwerhörigkeit nicht nur die Betroffenen, sondern auch deren Angehörige massiv herausfordern kann.

Der Hörverlust verändere den Alltag aller Beteiligten, bestätigt auch die Audiologin Vanessa Vas von der Universität Nottingham. Sie hat gerade eine Untersuchung im Fachjournal "Trends in Hearing" zu dem Thema veröffentlicht.

Angehörige übernehmen oft Aufgaben

Angehörige versuchten häufig, das fehlende Hörvermögen ihres Gegenübers auszugleichen. Sie übernähmen in vielen Fällen das Telefonieren, hörten Radio und Fernsehen lauter als für sie nötig oder müssten häufig Sätze wiederholen.

Auch die Teilnahme an Familienfeiern und Festen werde zum Problem, weil Schwerhörige bei lauten Hintergrundgeräuschen Gesprächen schwer folgen könnten. Einsamkeit, Frustration, Schuldgefühle, mangelndes Verständnis und schwindende Wertschätzung füreinander seien mögliche Folgen und belasteten sowohl Schwerhörige als auch deren Familie.

Die Studie sei der Versuch, die Perspektiven von Schwerhörigen und deren Angehörigen zusammen zu bringen, erklärt Vas. Als Audiologin beschäftigt sie sich mit dem menschlichen Gehör. Angehörige merkten häufig früh, wenn sich ein Hörverlust ankündige und könnten Betroffene motivieren, Hilfe zu suchen. "Schwerhörigkeit ist ein bleibender Zustand, der die gesamte Familie beeinflusst", erläutert sie. Das müsse in der Behandlung berücksichtigt werden.

Wenig Unterstützung durch Kassen

Es sei bislang aber nicht selbstverständlich, dass Angehörige in die Behandlung mit einbezogen würden, sagt Markoff von der Berliner Beratungsstelle. Von Seiten der Krankenkassen gebe es wenig Unterstützung oder Angebote, beispielsweise Workshops für Angehörige. Auch die Kosten für Audiotherapeuten, die Betroffenen helfen, ihre Kommunikation an die Schwerhörigkeit anzupassen, würden nicht übernommen.

Schwerhörige und ihre Angehörigen müssten sich neu verstehen lernen, sagt Markoff. Menschen, die schlecht hören, sollten bei Nichtverstehen nachfragen oder störende Hintergrundgeräusche unterbinden. Gesprächspartner könnten die Situation entspannen, indem sie Gesagtes bereitwillig wiederholten, Blickkontakt hielten oder auf deutliche Aussprache achteten.

Vor allem bei Menschen, die erst im Lauf ihres Lebens das Gehör ganz oder teilweise verlieren, "ist das ganze Koordinatensystem verrutscht", berichtet Reichardt, der selbst schwerhörig ist. Kommunikation sei plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Das beeinflusse das Selbstwertgefühl und könne auch psychische Probleme nach sich ziehen.

Etwa 14 Millionen Schwerhörige gibt es in Deutschland. Sie und ihre Angehörigen könnten nur auf wenig professionelle Unterstützung zurückgreifen und würden mit ihrer Situation oft allein gelassen, beklagen Reichardt und Markoff. Bislang konzentrierten sich Audiologen vorwiegend auf die medizinischen Aspekte, wie die Diagnose und die Anpassung der technischen Hörhilfen.

Es sei aber ein Trugschluss, dass ein Hörgerät allein das Problem löse, betont Reichardt. "Es ist wichtig, neue Kommunikationsgewohnheiten zu entwickeln und weiter auf Augenhöhe miteinander zu sprechen", ergänzt Markoff. "Zugewandtheit und Respekt voreinander sind die wichtigsten Voraussetzungen dafür. Man darf nicht Diener oder Helfer des anderen sein." (dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

So will Deutschland den Zuckerberg bezwingen

16:00 UhrZu viel und zu schlecht gekennzeichnet: Zucker versteckt sich in vielen Fertigprodukten. Das erschwert eine gesunde Ernährung. Die Politik will nun eingreifen. mehr »

Der Transgender-Trend

Paradigmenwechsel? Transsexuelle lassen sich sogar selbstbewusst für den "Playboy" ablichten. Psychiater warnen aber vor einem Geschlechtsdysphorie-Hype unter Jugendlichen. mehr »

Deshalb gibt's immer mehr Parkinsonkranke

Die absolute Zahl der weltweiten Parkinsonkranken hat sich seit 1990 mehr als verdoppelt. Forscher haben eine Vermutung, warum der Anstieg in manchen Ländern so stark ist. mehr »