Ärzte Zeitung online, 10.11.2017
 

10.000 Betroffene

Intersexualität – was sind die medizinischen Ursachen?

Von Intersexualität betroffen dürften in Deutschland knapp 10.000 Menschen sein. Die Ursachen sind nur zum Teil bekannt: Sie können chromosomal, monogenetisch oder multifaktoriell sein, wie ein Experte erklärt.

Von Beate Schumacher

Der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, für intersexuelle Menschen ein drittes Geschlecht einzuführen, bezieht sich auf "die geschlechtliche Identität jener Personen, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugeordnet sind".

Sie werden deswegen als intersexuell bezeichnet. Was unter Intersexualität zu verstehen ist, erklärt Paul Martin Holterhus, Professor für Pädiatrische Endokrinologie an der Universität zu Kiel: "Intersexualität ist eine fehlende Übereinstimmung von genetischem Geschlecht, gonadalem Geschlecht sowie körperlichem Geschlecht."

Der Chromosomensatz passt zum Beispiel nicht zum Aussehen des Genitale, das Genitale selbst ist uneindeutig oder die Gonaden sind fehlangelegt oder es ist sowohl Hoden- als auch Eierstockgewebe vorhanden.

Ursachen nur zum Teil bekannt

Die letztgenannte Störung der Geschlechtsentwicklung wurde früher als Hermaphroditismus verus bezeichnet. Auch das psychische Geschlecht, also die Identität und die im Alltag angenommene Geschlechterrolle, ist bei vielen Menschen mit Intersexualität "variabel aufgespannt mit männlichen und weiblichen Elementen, und nicht streng bipolar", so Holterhus im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die Ursachen für Intersexualität sind nur zum Teil bekannt. "Sie sind chromosomal, monogenetisch oder multifaktoriell", so Holterhus. Bei der 45,X/46,XY-gemischten Gonadendysgenesie handelt es sich zum Beispiel um eine numerische Anomalie der Geschlechtschromosomen mit einem Y-chromosomalen Mosaik.

Bei der Androgenresistenz – Menschen mit XY-Gonosomen, bei denen der Androgenrezeptor aufgrund einer Mutation nicht ausreichend funktioniert – könnten nach Untersuchungen von Holterhus auch epigenetische Veränderungen ursächlich beteiligt sein.

Zwei bekannte numerische Aberrationen der Geschlechtschromosomen, das Turner-Syndrom (45,X) und das Klinefelter-Syndrom (47/XXY), zählt Holterhaus ausdrücklich nicht zu den Intersexformen. Dies sei nur dann der Fall, wenn es sich etwa um ein atypisches Turner-Syndrom mit einem Y-Anteil handele.

Ausgehend von dieser engen Definition von Intersexualität veranschlagt der Endokrinologe die Zahl der betroffenen Menschen in Deutschland auch niedriger als an manchen anderen Stellen nachzulesen, nämlich auf knapp 10.000.

Op nicht ohne Zustimmung des Kindes

Früher wurde Kindern mit Intersexualität häufig früh ein eindeutiges Geschlecht zugewiesen und gegebenenfalls eine geschlechtsangleichende Operation vorgenommen. "Von Operationen aus rein kosmetischen Gründen beim nicht zustimmungsfähigen Kind ist aus heutiger Sicht abzuraten", betont Holterhus.

Bei erhöhtem Entartungsrisiko könnten aber durchaus schon Op-Indikationen bestehen. "Bei der Beratung muss zwingend berücksichtigt werden, dass Intersexualität kein Einheitstopf ist." Idealerweise sollten die Patienten in multidisziplinären Zentren betreut werden, die eine adäquate Diagnostik, Beratung und gegebenenfalls auch Behandlung anbieten – dafür müsse die Politik aber auch die notwendigen finanziellen Ressourcen zur Verfügung stellen, so Holterhus.

Holterhus ist überzeugt, dass die Möglichkeit ein drittes Geschlecht eintragen zu lassen, von einigen Betroffenen erleichtert angenommen wird, "da die Kategorien männlich oder weiblich aus ihrer Sicht für sie einfach nicht zutreffend sind".

Das gelte aber keineswegs für alle: "Ich gehe davon aus, dass ein nicht geringer Teil sich dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen kann und möchte." Er wünscht sich daher, dass es weiter möglich bleibt, das Geschlecht offenzulassen. "Wichtig ist, dass wir diskriminierungsfrei menschliche Vielfalt anerkennen."

Lesen Sie dazu auch:
Urteil des Bundesverfassungsgerichts: Dritte Geschlechtsoption – Betroffene jubeln

[19.11.2017, 23:51:27]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Danke für die Klarstellungen!
Statistische Erhebungen zu Inzidenz/Prävalenz bzw. Beobachtung/Vorkommen von Intersexualität gibt es weltweit deshalb nicht, weil es bei intersexuellen Menschen nicht allein um Variationen und/oder Abweichungen der Geschlechtsmerkmale geht, sondern um deren fehlende Zuordnungs-Fähigkeit.

Fiktive Zahlen von bundesweit 100.000 bis 160.000 Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, die keinem Geschlecht eindeutig zuzuordnen sind, ist m.E. manipulative Meinungsma(s)che, auch wenn sich die eher Medizin-Bildungs-fremden Juristen des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG) bei ihrer Entscheidung daran angeblich orientiert haben sollen.

Angeborene Fehlbildungen der Genitalorgane wie Turner- und Klinefelter-Syndrom ohne zweifelbehaftete Zuordnung der Geschlechtsidentität fallen kaum darunter, ebenso Transgender-, Transsexualität-, “Wrong-Body-” oder “Gender-Dysphorie-Syndrom”-Betroffene, wie ich sie in 10-jähriger Beratungs-Arbeit und in meiner hausärztlichen Praxis gesehen habe. Hier steht meist das Erreichen einer anderen, "richtigeren" männlichen oder weiblichen und sehr selten einer "Zwischenstation" als Zielvorstellung einer bio-psycho-sozial-sexuellen Identitätsbildung.

82 Millionen Einwohner in Deutschland und eine Prävalenz der Intersexualität von 1 auf 2.500 bis 5.000 Geburten bedeutet zwischen 16.400 und 32.800 betroffene Personen. Nur für diesen Personenkreis mit einem “Dritten Geschlecht” hat das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in seiner Entscheidung 1 BvR 2019/16 vom 10.10./8.11.2017 entschieden. Hier in der Ärzte Zeitung wird nur von 10.000 Betroffenen ausgegangen.

Ein Blog von 2008 -http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/09/14/Wenn-Medizyner-zu-sehr-vertuschen- gab sich dagegen angriffslustig: "Frage: Wieviele "Intersexuelle" — Pardon: "geschlechtsentwicklungsmässig Gestörte" bzw. "DSD-Patienten" [Disorders of sex development DSD] — gibt's nun wirklich? Antwort: Schweigen ...Und egal wieviele "hochgerechnete" Zahlen auch herumgereicht werden: Letztlich weiss es niemand genau. Der Staat weiss es nicht, will es nicht wissen und besteht darauf, dass alle Zwitter lediglich als "Mann" oder "Frau" erfasst werden. Der einzige Stand, der über exakte Zahlen verfügen könnte, sind ausgerechnet die Medizyner, deren Jahrzehnte lange moralische Korruptheit speziell gegenüber dieser besonderen "Patientengruppe" deren aktuellen Probleme grösstenteils überhaupt erst verschuldete" (Zitat Ende). Aber es geht noch polemischer: "
Ein beliebter Trick ist auch, die Definition von Intersexualität so einzuengen, dass am Ende das gewünschte statistische Resultat herauskommt, vgl. dazu etwa die Formulierung verräterische Formulierung "schwerwiegendere[...] Abweichungen" im offiziellen Statement der Bundesregierung zum Thema: "Die Gesamtzahl der schwerwiegenderen Abweichungen der Geschlechtsentwicklung liegt in Deutschland etwa 8 000 bis 10 000." (Drucksache 16/4786). Dabei gab etwa gegenüber dem ZDF "EuroDSD"-Chef Olaf Hiort unumwunden zu: "Leichtere Fehlbildungen des Genitale sind relativ häufig [...]. Hierzu gehört zum Beispiel die Hypospadie, eine Fehlöffnung der Harnröhre beim Jungen." Dass auch diese "Leichtere[n] Fehlbildungen" alle ohne medizinische Notwendigkeit möglichst rasch chirurgisch "korrigiert" werden (oft mit schrecklichen Komplikationen), liess Hiort allerdings vornehm aus ... Fazit: Mindestens jedes 1000. Kind landet auf dem OP-Tisch! Zwischengeschlecht.org und andere Betroffenenorganiatonen (z.B. ISNA) gehen bis zum Bekanntwerden verlässlicher Zahlen weiterhin aus von einem Vorkommen von mindestens 1:1000, d.h. mindestes jedes 1000. Neugeborene ist "undeutig" bzw. "atypisch" genug, um den Rest seines Lebens mit höchster Wahrscheinlichkeit menschenrechtswidrigen genitalen Zwangsoperationen, Zwangskastrationen, Zwangshormonbehandlungen oder sonstigen nicht-eingewilligten Zwangseingriffen ausgeliefert zu sein! Die Intersex Society of North America geht gar davon aus, dass auf 1000 Geburten 1-2 Kinder kosmetisch genitaloperiert werden" (Zitat Ende).

Nichtsdestotrotz war der höchstrichterliche Spruch: “Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) verlangt mit der aktuellen Entscheidung 1 BvR 2019/16 entgegen allen Vorinstanzen die positive Benennung eines dritten Geschlechts. Der Gesetzgeber sei gefordert, nach den Persönlichkeitsrechten im Grundgesetz (GG) bis 2018 im Personenstandsrecht ein 3. Geschlecht zu schaffen. Die Geschlechtszuordnung sei von ‘herausragender Bedeutung’ für jeden Menschen.

Es reiche als positive bio-psycho-sexuelle Identitätsbildung also nicht hin, lediglich die Kategorien “weiblich/männlich/weiß nicht” zu schaffen, das Personenstandsrecht müsse eine dritte konkret zu benennende Möglichkeit bekommen. Bis Ende 2018 habe der Gesetzgeber eine Neuregelung zu schaffen, da durch das geltende Recht das allgemeine Persönlichkeitsrecht Betroffener verletzt werde.

Das Anliegen des/r Beschwerdeführers/-in war klar: Er/sie war von Geburt an als “weiblich” eingetragen worden. Die weitere bio-psycho-soziale Entwicklung ließ aber keine eindeutige Geschlechtszuordnung zu. Das Standesamt lehnte den Antrag auf Eintragung als “inter/divers” oder nur “divers” mit dem Hinweis ab, das deutsche Personenstandsrecht lasse nur die Einträge “weiblich” oder “männlich” zu. Wenn eine Zuordnung nicht möglich sei, könne nur ganz auf die Eintragung eines Geschlechts verzichtet werden…”

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

http://news.doccheck.com/de/newsletter/3922/29215/ "Intersexualität: Aller guten Dinge sind drei"

http://news.doccheck.com/de/blog/post/7613-intersexualitaet-raus-aus-der-tabuzone/

http://blog.zwischengeschlecht.info/post/2008/09/14/Wenn-Medizyner-zu-sehr-vertuschen zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Fettsäurehypothese bei MS erhält neue Nahrung

Ist eine ungesunde Ernährung einer der Gründe, weshalb manche Menschen an MS erkranken? Es mehren sich jedenfalls Hinweise für einen entscheidenden Einfluss auf die Darmflora. mehr »

Wie Grippeviren ihr Erbgut steuern

Forscher haben nachgewiesen, wie Gene von Influenza-A-Viren an- und abgeschaltet werden. Die Erkenntnisse sollen die Entwicklung neuer Therapien vorantreiben. mehr »

6000 Euro Strafe für Informationen über Abtreibung

Wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche hat das Amtsgericht Gießen am Freitag eine ortsansässige Allgemeinärztin zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt. mehr »