Ärzte Zeitung online, 28.03.2018

Wann behandeln?

Tipps bei Hypothyreose in der Schwangerschaft

Bei welchen TSH-Werten sollten Schwangere mit Schilddrüsenunterfunktion behandelt werden? Ein Experte rät zu mehr Zurückhaltung, echte Risikokonstellationen gelte es jedoch, im Auge zu behalten.

Von Andreas Häckel

BONN. Für die fatalen Auswirkungen einer Schilddrüsen-Unterfunktion in der Schwangerschaft auf die Hirnentwicklung des Fötus gibt es klare Belege. Doch ob und ab wann ein erhöhter TSH-Wert der Schwangeren behandlungsbedürftig ist, darüber gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten.

Der niedergelassene Oldenburger Endokrinologe Dr. Michael Droste rät einerseits zu mehr Zurückhaltung bei der Substitution einer vermeintlichen Unterfunktion. Andererseits sollten echte Risikokonstellationen jedoch im Auge behalten werden. Drostes persönliches Credo lautet: "Man macht Leute krank, wenn man ihnen Schilddrüsenhormone gibt, obwohl es keinen Sinn hat."

Die Bedeutung der Schilddrüsenfunktion in der Schwangerschaft unterstreiche eine US-amerikanische Studie zum Zusammenhang zwischen der Höhe der TSH-Werte von 172 Müttern in der Schwangerschaft und dem späteren Intelligenzquotienten der Kinder im Alter von acht Jahren, so Droste bei einer Veranstaltung aus Anlass des 61. Deutschen Kongresses für Endokrinologie in Bonn.

Danach fand sich bei 2,4 Prozent der Kinder, deren Mütter einen TSH-Wert unter 3,8 mU hatten, ein Intelligenzquotient unter 74, also ausgeprägte kognitive Defizite. Lag der mütterliche TSH-Wert dagegen bei 3,8-8,0 mU, hatten sieben Prozent der Kinder später einen IQ unter 74, bei einem TSH-Wert über 8,0 mU betrug der Anteil der Kinder mit einem IQ unter 74 sogar 15 Prozent. Bei Kinderwunsch sollte eine mögliche Unterfunktion der Schilddrüse also frühestmöglich abgeklärt und behandelt werden, betonte Droste.

Unklarheit herrsche jedoch darüber, was eine relevante TSH-Erhöhung sei. Nähme man nämlich einen gängigen Schwellenwert von 2,5 mU an, wäre die Hälfte aller Frauen mit Kinderwunsch Kandidatinnen für eine Hormonsubstitution. "Das kann nicht sein", so der Endokrinologe. Argumente gegen eine aggressive Substitution liefert auch eine weitere US-amerikanische Placebo-kontrollierte Studie.

Wurden 670 Frauen mit einem TSH im Bereich zwischen 4 und 10 entweder mit Schilddrüsenhormonen oder Placebo behandelt, ergab sich bei der Nachuntersuchung der Kinder im mehreren Intervallen bis zu 60 Monaten kein kognitiver Unterschied zwischen Verum und Placebo (NEJM 2017; 376:815-825).

"Es ist eindeutig, dass die Behandlung einer latenten Unterfunktion in der Schwangerschaft hinsichtlich der neuropsychologischen Entwicklung der Kinder oder des Verlaufes der Schwangerschaft absolut keine Vorteile bringt", zitierte Droste das Fazit der Autoren.

Er hält es demzufolge für nicht angebracht, etwa Frauen mit Kinderwunsch und einem TSH von 3,2 ohne Schilddrüsenerkrankung auf einen TSH-Wert von 1,0 mU einzustellen. Zwar belasse er Schilddrüsenhormone bei darauf eingestellten Schwangeren, empfehle aber, diese nicht beizubehalten, sondern spätestens nach beendeter Schwangerschaft abzusetzen.

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