Ärzte Zeitung, 07.02.2007

Ein beherzter Griff an den Hals kann Operationen verhüten

Mit Palpation werden viele Schilddrüsen-Veränderungen identifiziert / Frühe medikamentöse Therapie kann Strumen wieder verkleinern

FALKENSTEIN (gwa). Wer die Schilddrüse palpiert, kann viele Strumen und Knoten finden. Und zwar oft bevor sie so groß sind, dass sie sichtbar werden oder Symptome machen. Der Vorteil: Viele Betroffene können frühzeitig mit Medikamenten behandelt werden. Spezialisten hoffen, dass so 20 bis 30 Prozent der jährlich mehr als 100 000 Schilddrüsen-Operationen vermieden werden können.

Ob von ventral oder von dorsal ist egal - Hauptsache ist, dass Kollegen die Schilddrüse bei möglichst jedem Patienten tasten. Foto: Klaro

Wie wichtig die Schilddrüsen-Palpation ist, haben Kollegen bei der ersten deutschen Schilddrüsenwoche im vergangenen Jahr belegt. Daran nahmen damals 10 000 Praxen teil. Allen Patienten wurde die Tastuntersuchung angeboten. Einige Daten stellte Professor Christoph Reiners von der Universität Würzburg bei einem Symposium in Falkenstein / Taunus vor. Mehr als jeder dritte Untersuchte hatte Veränderungen an der Schilddrüse wie Struma oder Knoten.

Außerdem nahmen 80 Kollegen an einer zusätzlichen prospektiven Erhebung teil: Sie prüften bei 856 Probanden die Übereinstimmung von Palpation und Sonografie. Ergebnis: 70 Prozent der Knoten ab 2 cm Durchmesser werden mit Palpation gefunden, berichtete Reiners bei der von Sanofi-Aventis ausgerichteten Veranstaltung. Bei Knoten über 1 cm Durchmesser empfehlen Fachgesellschaften in ihren Leitlinien eine weitere Diagnostik wie Laborparameter, Ultraschall, Szintigrafie und eventuell Feinnadelpunktion.

Auch bei benigner Struma gibt es Op-Komplikationen

Frühzeitige Diagnostik und Therapie sind wichtig, weil in Deutschland jährlich bis zu 110 000 SchilddrüsenOperationen gemacht werden - eine Op pro 750 Einwohner. Abgesehen von den Kosten sind Komplikationen ein Problem: Auch bei benignen Strumen ist das Risiko etwa für eine Recurrens-Lähmung 1,6 Prozent (pro operiertem Lappen 0,8 Prozent). Bei bis zu 3000 Patienten jährlich bleibt die Lähmung bestehen, sagte Professor Martin Grußendorf aus Stuttgart.

Auf 20 Jahre hochgerechnet bedeutet das: 40 000 bis 60 000 Patienten bleiben heiser. Bei einem Rezidiveingriff steigt das Risiko sogar auf sieben Prozent.

Ein weiteres Risiko ist der postoperative Hypoparathyreoidismus. Das Risiko beträgt etwa 1,8 Prozent; bei Rezidivoperationen 5,4 Prozent. Die Nebenschilddrüsen werden oft nicht direkt durch das Skalpell, sondern auch durch Durchblutungsstörungen geschädigt. Die Betroffene haben Tetanien sowie abdominelle und bronchiale Spasmen. Spätfolgekann eine Basalganglien-Verkalkungen mit Parkinsonismus ein Katarakt oder Nierensteine sein.

STICHWORT

Struma-Therapie

Strumen können oft medikamentös verkleinert werden. Kinder und Jugendliche erhalten eine Jod-Monotherapie. Bei Erwachsenen gilt die Kombi-Therapie mit Jodid und Thyroxin als Goldstandard. Bewährt hat sich ein Verhältnis von 2 zu 1, zum Beispiel 150 µg Jodid und 75 µg Thyroxin. Angestrebt wird ein TSH-Wert zwischen 0,3 bis 1,2 mU/l. So wird der Wachstumsreiz auf die Schilddrüse reduziert. (gwa)

Im April ist wieder Schilddrüsenwoche

Auch in diesem Jahr ist wieder eine Woche der Schilddrüse gewidmet. Vom 23. bis 27. April 2007 findet bundesweit die zweite Schilddrüsenwoche statt. Wieder werden 10 000 Praxen eine Woche lang ihren Patienten Schilddrüsen-Palpationen anbieten und an der Auswertung der Ergebnisse teilnehmen. Partner sind die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie, die Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin, das Forum Schilddrüse, der Arbeitskreis Jodmangel und Sanofi-Aventis. Medienpartner ist die "Ärzte Zeitung". Übrigens: Auch Praxen, die nicht an der offiziellen Erhebung teilnehmen, können natürlich bei der Schilddrüsen-Woche mitmachen. (gwa)

Weitere Informationen sowie Material etwa fürs Wartezimmer gibt es bei www.schilddruese.de und www.forum-schilddruese.de

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