Ärzte Zeitung, 31.10.2013

Kommentar zum Zufallsbefund Schilddrüsen-Ca

Glücklicher Zufall?

Von Beate Schumacher

Wie immer, wenn die Inzidenz einer Erkrankung steigt, stellt sich die Frage: Erkranken wirklich mehr Menschen als zuvor - oder wird das Leiden einfach nur häufiger erkannt? Bei Schilddrüsenkrebs spricht viel für Letzteres.

In den USA hat sich die Inzidenz in den letzten 30 Jahren verdreifacht, in Deutschland ist sie bei Frauen um 100, bei Männern um 75 Prozent gestiegen. Immer öfter wird die Diagnose infolge eines Zufallsbefundes bei bildgebenden Untersuchungen gestellt. Trotzdem hat die Mortalität durch Schilddrüsenkarzinome nicht zugenommen, in Deutschland ist sie sogar rückläufig.

Andererseits gibt es auch Hinweise auf eine reale Zunahme des Krebsleidens. Der Anstieg betrifft nämlich alle Tumorgrößen und -stadien, auch zufällig entdeckte Tumoren scheinen nicht harmloser zu sein.

Studien sollten daher auch den möglichen Beitrag von Lebensstil und Umwelt ins Auge fassen.

Das Dilemma der Zufallsbefunde wird in jedem Fall weiter zunehmen. Ärzte der Mayo-Klinik haben kürzlich vor einer Übertherapie gewarnt - viele Niedrig-Risiko-Karzinome würden möglicherweise nie Schaden anrichten. Bei welchen Patienten eine aktive Überwachung ausreicht, können aber nur Langzeitstudien zeigen.

Lesen Sie dazu auch:
Schilddrüsen-Ca: Bei Älteren öfter Zufallsbefunde

[31.10.2013, 10:58:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Einmal Schilddrüse mit MAYO und microPLICs?
Mein Kommentar bezieht sich auf die Publikation aus der US-MAYO-Klinik: Brito JC et al. Thyroid cancer: zealous imaging has increased detection and treatment of low risk tumours. BMJ 2013;347:f4706 doi: 10.1136/bmj.f4706

Die Schilddrüsenspezialisten wollen eine Änderung der Terminologie. Anstatt von Krebs solle man von "mikropapillären Läsionen mit indolentem Verlauf" (micropapillary lesions of indolent course, microPLICs) sprechen. Erstmal Pathologen zu fragen, ob dort eventuell auch aus forensischen Gründen vorschnell Karzinome statt grenzwertiger Befunde diagnostiziert werden, ist wohl noch niemand gekommen Denn beim Cervix-Carcinoma in situ spricht man ja auch schon seit langem von der zervikalen intraepitheliale Neoplasie (CIN). Aber sollen wir ernsthaft zuwarten, bis ein histologisch eindeutiges Karzinom sich erst deutlich vergrößert, Gewebe- und Organschranken durchbrochen oder gar metastasiert hat?

An die Arbeit, meine Damen und Herren Wissenschaftler! Nicht geschwätziges Publizieren, sondern Experimentieren, Studieren und Konkludieren!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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