Ärzte Zeitung, 07.09.2018

Britische Studie

Regelmäßige Schilddrüsen-Kontrolle im Alter meist unnötig

Eine regelmäßige Labordiagnostik der Schilddrüse bei älteren Menschen ist nach Daten aus Großbritannien weit verbreitet – und weitestgehend nutzlos.

Von Beate Schumacher

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Kontrolle der Blutwerte: In Großbritannien werden jedes Jahr bei fast 30 Prozent der über 65-Jährigen TSH-Tests angefordert.

© Foto: Anna Schroll/ UKJ

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie sinnvoll sind regelmäßige Laborkontrollen der Schilddrüsenfunktion bei über 65-Jährigen?

Antwort: Die Schilddrüsenfunktion ist bei ihnen über fünf Jahre hinweg relativ stabil. Nur 0,5 Prozent der euthyreoten Patienten entwickeln eine klinisch manifeste Funktionsstörung.

Bedeutung: Bei Patienten mit dokumentierter Euthyreose in den letzten fünf Jahren soll keine Routinekontrolle der Schilddrüsenfunktion erfolgen.

Einschränkung: Die Schilddrüsenfunktion wurde jeweils anhand nur einer Blutprobe bestimmt.

WARWICK. Britische Ärzte fordern dazu auf, bei älteren Menschen, insbesondere mit zuvor normaler Schilddrüsenfunktion, von weiteren Tests abzusehen, sofern es dazu keine klinische Veranlassung gibt.

Sie begründen das mit der hohen Stabilität der Schilddrüsenfunktion im Alter über 65, die sie in der Birmingham Elderly Thyroid Study festgestellt haben (Br J Gen Pract 2018; online 29. August).

Über einen Zeitraum von fünf Jahren hatten nur 0,5 Prozent der ursprünglich euthyreoten Patienten eine klinisch manifeste Hypo- oder Hyperthyreose entwickelt.

Studie mit 2936 Patienten

An der Studie beteiligten sich 2936 Hausarztpatienten im Alter zwischen 68 und 96 Jahren. Die Eingangsuntersuchung von TSH und fT4 hatte 92,3 Prozent als euthyreot und 1 Prozent beziehungsweise 6,2 Prozent als subklinisch hyper- beziehungsweise hypothyreot ausgewiesen, bei jeweils 0,3 Prozent war eine manifeste Unter- oder Überfunktion festgestellt worden.

Bei der erneuten Labordiagnostik rund fünf Jahre später waren von den Patienten mit zuvor normaler Schilddrüsenfunktion 95,5 Prozent unverändert euthyreot. Eine manifeste Hypo- oder Hyperthyreose hatten 0,2 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent von ihnen entwickelt.

Eine subklinische Funktionsstörung bei der Basisuntersuchung war bei 2,0 Prozent der Patienten zu einer offenen Hypothyreose und bei 4,0 Prozent zu einer Hyperthyreose fortgeschritten. 53,5 Prozent beziehungsweise 40 Prozent dieser Patienten waren in den euthyreoten Status zurückgekehrt.

Damit war die Wahrscheinlichkeit für eine manifeste Unterfunktion bei subklinisch betroffenen Patienten zehnmal größer als bei Patienten mit Euthyreose. Bei subklinischer Hyperthyreose war das Risiko einer manifesten Funktionsstörung rund 16-fach erhöht.

Vermeiden von Screenings

Prädiktoren für die Entwicklung einer Hypothyreose waren vor allem hohe TSH- und niedrige fT4-Werte. Aber auch ein neu aufgetretenes Vorhofflimmern (VHF) oder eine Nierenerkrankung sowie der Beginn einer Amiodarontherapie waren mit einem erhöhten Risiko verbunden.

Die Stabilität der Schilddrüsenfunktion zeigte sich auch auf der Ebene der Laborwerte: Bei 61 Prozent der Teilnehmer veränderte sich der TSH-Spiegel um weniger als 0,5 Einheiten.

Reine Routinetests oder ein Screening auf Schilddrüsenstörungen sollten daher bei älteren Patienten vermieden werden, wie die Studienautoren um Lesley Roberts von der Universität Warwick betonen.

Dies gelte vor allem für Patienten, bei denen in den letzten Jahren ein euthyreoter Status dokumentiert worden sei. Die Realität in Großbritannien sieht allerdings anders aus: Jedes Jahr werden laut Roberts und Kollegen bei fast 30 Prozent der über 65-Jährigen TSH-Tests angefordert.

Ob eine gezielte Funktionsdiagnostik angezeigt ist, wenn einer der in der Studie identifizierten Prädiktoren für eine Hypothyreose, etwa eine VHF-Diagnose, vorliegt, muss den Forschern zufolge weiter untersucht werden.

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