Ärzte Zeitung online, 06.11.2017
 

Durchfallbakterium

Fast jedes zweite Huhn mit Campylobacter belastet

Campylobacter-Enteritis ist in Deutschland die häufigste durch Bakterien verursachte meldepflichtige Erkrankung. Risikofaktor ist vor allem der Verzehr von Hühnerfleisch – aber auch die Einnahme einer bestimmten Medikamentenklasse.

Von Anne Bäurle

Fast jedes zweite Huhn mit Campylobacter belastet

Über Küchenutensilien, mit denen kontaminiertes Hühnerfleisch zubereitet wurde, können auch andere Lebensmittel mit Campylobacter belastet sein.

© shtak3t/stock.adobe.com

NEU ISENBURG. Mit mehr als 70.000 gemeldeten Erkrankungen im Jahr 2016 und ähnlich hohen Zahlen in den Jahren zuvor hat sich die Campylobacter-Enteritis in Deutschland zur häufigsten bakteriellen meldepflichtigen Krankheit entwickelt. Das berichtet das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem aktuellen Epidemiologischen Bulletin.

Die tatsächliche Zahl liege vermutlich allerdings zehnmal höher. Deutschland steht dabei nicht alleine da: Daten der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC zufolge liegt die Campylobacter-Enteritis unter den bakteriellen Krankheiten in ganz Europa auf Platz 1.

Risikofaktor Magensäurehemmer

In einer kombinierten Fall-Kontroll- und Source-Attribution-Studie mit 1812 Infizierten und 3983 Kontrollpersonen, die das RKI von 2011 bis 2014 in mehreren Bundesländern durchgeführt hat, wurden nun erstmals Risikofaktoren für sporadische Campylobacter-Infektionen untersucht.

70.000 Fälle von Campylobacter- Enteritis wurden 2016 gemeldet.

Im Fokus der Wissenschaftler lag dabei auch die Relevanz verschiedener Tierquellen für Humaninfektionen in Deutschland. Die Teilnehmer wurden per Fragebogen zu ihrer Exposition im Bezug auf mögliche Risikofaktoren befragt.

Es stellte sich heraus, dass der bedeutendste Risikofaktor für eine Infektion der Verzehr von Hühnerfleisch ist. Bei 38 bis 54 Prozent von frischen Hähnchenfleischproben aus dem Einzelhandel wurde Campylobacter nachgewiesen. Auch der Kontakt mit Geflügel ist laut Studienergebnissen ein hoher Risikofaktor.

Statistisch signifikant war allerdings auch die Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren (PPI) wie Omeprazol und Pantoprazol in den vier Wochen vor Erkrankungsbeginn: Die Odds Ratio lag bei 1,9.

Campylobacter häufig unbekannt

"Patienten, die Magensäurehemmer einnehmen, sollten über den Zusammenhang mit bakteriellen gastrointestinalen Infektionen aufgeklärt werden, damit sie ihre Ernährung anpassen können und gegebenenfalls auf bestimmte Lebensmittel wie nicht vollständig durchgegartes Fleisch verzichten", rät das RKI.

Wichtig ist die Aufklärung auch, weil das Bakterium Campylobacter von der Bevölkerung wohl unterschätzt wird: Bei einer Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gaben nur 22 Prozent an, vom Keim Campylobacter überhaupt schon einmal gehört zu haben. Wesentlich bekannter sind Salmonellen, Salmonellosen werden in Deutschland allerdings deutlich seltener gemeldet (2017 bis KW 47 11.184 Fälle).

Hygienekriterien ab 2018

Die Zahl der Campylobacter-Infektionen in der Bevölkerung könnte durch Maßnahmen auf verschiedenen Stufen der Lebensmittelkette maßgeblich reduziert werden, heißt es in dem Epidemiologischen Bulletin.

Untersuchungen deuteten darauf hin, dass die hohe Belastung von Hühnerfleisch mit Campylobacter durch Kontamination beim Schlachtprozess verursacht ist: Die Karkassen-Oberfläche werde vermutlich durch den Darminhalt der Hühner verunreinigt.

In der Europäischen Union sollen im Jahr 2018 Hygienekriterien eingeführt werden, die Grenzwerte für Campylobacter auf Geflügelkarkassen festlegen, so das RKI.

[06.11.2017, 11:08:15]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Die von der Ärzte Zeitung hervorragend gewählte Abbildung...
weist auf einen weiteren, entscheidenden Risikofaktor bei der Zubereitung von Hühnergerichten hin: Die Führung des Küchenmessers in die falsche Richtung!

Die Messer-Führhand (rechts- oder links-händig) darf mit der Schneide nicht zur Haltehand hin, sondern sie muss davon weggeführt werden. Konkret, das Schnittgut müsste um 180° gedreht werden, um das Messer unfallsicher von Körper und Haltehand wegzuführen.

Nicht-infektiologische Schnittverletzung der Hand sind gerade bei der Zubereitung von Fleischgerichten neben bakteriologisch relevanten Kontaminationen die häufigsten Risiken von häuslichen bzw. professionellen Verletzungen in der Haushalts- bzw. in der Restaurantküche.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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