Ärzte Zeitung, 23.08.2006

Ob Chemoprophylaxe schützt, bleibt zu klären

Präexpositionsprophylaxe wurde in Studie gut vertragen / Schutzeffekt bei geringen Infektraten nicht belegt

TORONTO (awa). Die erste von weltweit insgesamt fünf kontrollierten Studien zur medikamentösen HIV-Prophylaxe bei Menschen aus Hochrisikogruppen für eine HIV-Infektion ist beendet. Demnach ist die prophylaktische antivirale Therapie sicher. Ob sie auch wirksam ist, war in der Studie wegen der geringen Zahl an Neu-Infektionen jedoch nicht zu belegen.

Prostituierten in unterentwickelten Ländern wie hier in Dakar gelingt es kaum, immer auf der Verwendung eines Kondoms zu bestehen. Foto: pa

Vor allem für Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko wie weibliche Prostituierte versagt nach Erfahrungen von Dr. Lynn Peterson von Fa-mily Health International in Durham im US-Staat Kalifornien in unterentwickelten Gebieten oft die Methode Safersex.

Denn die Frauen können den Kondomgebrauch mit den Männern meistens nicht verhandeln. Deshalb werden dort zur Zeit alternative Präventionsmethoden, etwa eine medikamentöse HIV-Prophylaxe, die sogenannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP), erforscht.

Peterson stellte auf der Weltaidskonferenz in Toronto in Kanada die Ergebnisse der ersten beendeten PrEP-Studie vor. In ihr war die Sicherheit und Wirksamkeit von Tenofovir, einem nicht nukleosidalen Hemmer der viralen Reversen Transkriptase (NNRTI), in Kamerun, Nigeria und Ghana untersucht worden. Tenofovir wurde ausgewählt, da dieses HIV-Medikament in Tierversuchen eine HIV-Übertragung verhindert hat.

In die doppel-blinde Studie wurden 936 HIV-negative Frauen mit hohem Infektionsrisiko - mindestens dreimal pro Woche Geschlechtsverkehr oder mindestens vier verschiedene Sexualpartner pro Monat - aufgenommen. Die Frauen waren im Mittel 23 Jahre alt, und bei etwa 40 Prozent von ihnen wurde in den letzten sechs Monaten eine sexuell über-tragbare Erkrankung diagnostiziert.

Die eine Hälfte der Frauen erhielt für zwölf Monate 300 mg Tenofovir, die andere Hälfte ein entsprechendes Placebo. Bei der Leber- und Nierenfunktion sowie bei unerwünschten Ereignissen wie Malaria, vaginale Candidiasis, Kopfschmerzen und Anorexie gab es zwischen Verum- und Placebo-Gruppe keine Unterschiede. Bei zwei Frauen, die Tenofovir erhalten hatten, und bei sechs Frauen aus der Placebo-Gruppe wurde im Verlauf der Studie eine Infektion mit dem HI-Virus diagnostiziert.

Wegen dieser geringen Zahl der Neuinfektionen könne keine Aussage zur Wirksamkeit der Chemoprophylaxe gemacht werden, sagte Peterson. Auffällig und wahrscheinlich auf die im Zusammenhang mit der Studie vorgenommene Aids-Beratung zurückzuführen sei, daß die Zahl der neuen Sexualpartner von elf auf sechs pro Monat abgenommen und die Rate des Kondomgebrauchs von 52 auf 94 Prozent zugenommen habe, so Petersen.

Das Konzept der Präexpositionsprophylaxe für Menschen mit einem hohen HIV-Infektionsrisiko ist relativ neu und wegen potentieller unerwünschter Wirkungen und potentieller Resistenzentwicklung noch umstritten.

Weitere Studien sind nötig, weil nach Petersons Angaben die vorgestellten Daten weder die Wirksamkeit noch die Bedenken klären konnten. Zur Zeit laufen noch vier weitere kontrollierte Studien in Botswana, Thailand, Peru und USA mit jungen Erwachsenen, i.v.-Drogenkonsumenten und Männern, die Sex mit Männern haben.

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