Ärzte Zeitung, 16.10.2006

Viele HIV-infizierte Migranten verleugnen ihre Infektion

Berliner Fachärztin spricht von ihren Erfahrungen in der Praxis / Probleme von Migranten so vielfältig, daß Krankheit oft in den Hintergrund tritt

BERLIN (te). HIV-infizierte Migranten aus Afrika sind für ihre behandelnden Ärzte außerordentlich schwierige Patienten. Häufig verleugnen sie ihre Infektion, nicht zuletzt deshalb, weil mit der Diagnose HIV ein Verlust an Status und Identität in der Familienhierarchie verbunden ist.

Nach den Erfahrungen von Solange Nzimegne-Gölz, die in Berlin als Fachärztin eine HIV/AIDS-Schwerpunktpraxis betreibt, wollen schwarzafrikanische Patienten, bei denen die Diagnose HIV gestellt wird, zunächst einmal hören, dies sei eigentlich gar nicht schlimm.

Eine der Ursachen dafür sei, daß Migranten in Deutschland mit einer Fülle existenzieller Probleme konfrontiert seien. Dazu zählten beispielsweise der Gelderwerb, die Wohnverhältnisse, die Versorgung der Kinder, Partnerkonflikte und Behördengänge. "Gemessen an diesen Problemen ist die Tatsache der HIV-Infektion für die Patienten bedeutungslos, solange sie sich gesund fühlen", sagt die gebürtige Kamerunerin.

Hinzu komme der Erwartungsdruck der Familien. Da Europa als Paradies gelte, rechneten die Angehörigen damit, daß alle Bedürfnisse mühelos erfüllt werden könnten. Eine tödliche Erkrankung sei deshalb nicht vorstellbar und werde zwangsläufig verdrängt.

Da in den Familien vornehmlich patriarchalische Strukturen herrschten, bedeute die Diagnose HIV also nicht nur sexuelle Einschränkung, sondern auch den Verlust von Status und Identität. "Eine antiretroviraler Therapie wäre gleichbedeutend mit einer Offenbarung", sagt Nzimegne-Gölz.

Ihren Kollegen rät die Berliner Expertin deshalb, vor Therapiebeginn die Vorstellungen, die sich die jeweiligen Patienten von ihrer Erkrankung machen, herauszufinden. Hält ein Patient die Diagnose für eine Erfindung der Europäer? Schenkt er der Diagnose HIV-Infektion überhaupt Glauben? Ist ihm die Notwendigkeit einer medikamentösen Dauertherapie zu vermitteln? All dies gelte es, herauszufinden.

Angebote zur Beratung und Behandlung müßten unauffällig in die Institutionen der Regelversorgung integriert sein. Ebenso dürfe die Infektion für die Menschen aus Afrika nicht zu einem zentralen Lebensproblem erklärt werden. Es müsse zum Ausdruck kommen, daß die Infektion ein Problem unter mehreren sei. Als Lösungsweg böten sich zunehmend Selbsthilfegruppen an. Obwohl Afrikanern diese Form der Stärkung des Einzelnen fremd sei, gebe es hier erste Erfolge.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts stammen 21 Prozent aller HIV-Infizierten in Deutschland aus Ländern der sogenannten Dritten Welt, die meisten davon aus Afrika südlich der Sahara. Dort liegt die HIV-Prävalenz bei Erwachsenen zwischen zwei und 38 Prozent.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »