Ärzte Zeitung, 02.04.2007
 

Erfolge mit neuen Therapie-Ansätzen gegen den Aids-Erreger

Vorbehandelte HIV-Infizierte profitieren von Hemmstoffen der Virus-Integrase und von Rezeptorblocker / Virusmenge unter der Nachweisgrenze

MÜNCHEN (awa). Nach wie vor werden neue Arzneimittel für die HIV-Therapie benötigt. Denn: Eine Eradikation des Virus ist nicht in Sicht, und unerwünschte Wirkungen, Resistenzen und Complianceprobleme begrenzen häufig die lebenslange HIV-Therapie. Auf einer US-Tagung wurden jetzt Arzneien aus zwei neuen Wirkstoffgruppen vorgestellt, die einen Durchbruch in der Salvage-Therapie für bereits behandelte Patienten bedeuten.

Mit diesen Substanzen und mindestens einer weiteren noch aktiven Substanz ist die Therapie bei den bisher schwer zu behandelnden HIV-Patienten das erste Mal so wirksam wie bei bisher nicht behandelten Patienten. Das wurde bei der Retroviruskonferenz in Los Angeles im US-Bundesstaat Kalifornien berichtet.

Die ersten Ergebnisse von Phase-III-Studien mit den beiden neuen Substanzen Raltegravir und Maraviroc sorgten in Los Angeles für Aufsehen. Für den Vize-Präsidenten des Kongresses, Professor John Mellors von der Universität Pittsburgh in Pennsylvania ist der vorgestellte Erfolg in der Therapie zuvor bereits intensiv behandelter Patienten ähnlich dem bei der Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) vor mehr als zehn Jahren.

Integration des HIV-Genoms ins Erbgut wird verhindert

So erreichten mit einer aufgrund von Resistenztests ausgewählten optimierten Hintergrundtherapie (OBT) und dem Integrase-Hemmer Raltegravir nach 16 Wochen Therapie etwa 60 Prozent der Patienten eine Virus-Menge unter 50 HIV-RNA-Kopien pro Milliliter Blut. Ohne Raltegravir waren es nur etwa 30 Prozent. Raltegravir verhindert, dass das HIV-Genom in das Erbgut der infizierten CD4-Zelle integriert wird. Der Therapieerfolg war noch größer, wenn in der OBT der Fusionshemmer Enfuvirtid (T-20) und der Protease-Hemmer Darunavir enthalten waren. Erste Studien mit bisher nicht behandelten Patienten erbrachten ebenfalls gute virologische Ergebnisse.

Auf die Korezeptoren für HIV kommt es an

Mit dem CCR5-Antagonisten Maraviroc, der verhindert, dass das Virus in die CD4-Zelle eindringen kann, plus einer OBT erreichten nach 24 Wochen 40 bis 48 Prozent der intensiv zuvor behandelten Patienten weniger als 50 HIV-RNA Kopien/ml, ohne Maraviroc waren es nur 21 bis 25 Prozent. Bei Maraviroc muss allerdings zu Beginn der Therapie getestet werden, welchen von zwei Korezeptoren auf Immunzellen HIV zum Eindringen in die Wirtszelle benutzt: In die Studien konnte die Hälfte der gescreenten Patienten nicht aufgenommen werden, weil die Viren statt des CCR5- den CXCR4-Korezeptor benutzen.

Mit Raltegravir und Maraviroc, mit Enfuvirtid und dem gerade erst zugelassenen Protease-Hemmer Darunavir ist es jetzt möglich, intensiv zuvor behandelten Patienten in der Salvage-Therapie eine HIV-Therapie mit mindestens zwei noch gegen HIV wirksamen Medikamenten und einer OBT anzubieten und die Virusmenge bei den meisten Patienten unter die Nachweisgrenze zu senken. Damit entfällt eine suboptimale funktionelle Monotherapie, bei der eine neue Subtanz zu einem erfolglos angewandten Therapieregime gegeben wird.

Wie sich diese beiden neuen Substanzen, die eventuell noch dieses Jahr zuerst einmal für zuvor bereits behandelte Patienten zugelassen werden, und auch andere neue Medikamente aus bisherigen Substanzklassen in der HIV-Therapie platzieren werden, diskutierte Professor Hans-Jürgen Stellbrink aus Hamburg bei der "2. Münchner Aids-Werkstatt". Die Gruppe der intensiv zuvor behandelten Patienten ist wegen der relativ guten etablierten Therapie eher klein. Schätzungen zufolge werden es in zehn Jahren acht Prozent der Patienten sein. Ein erstes Therapieversagen tritt unter etablierten Therapien eher selten und spät ein und wenn, dann meistens wegen ungenügender Compliance.

Und in der Erstlinien-Therapie ist die Konkurrenz wegen der etablierten Therapien groß. Zudem müssen für diese Anwendung Langzeit-Daten nicht nur zur Wirksamkeit, sondern vor allem zur Toxizität vorliegen. Deshalb könnte sich Stellbrink zufolge der frühere Einsatz neuer Substanzen wegen der etablierten Therapien verzögern.

Fazit: Mit neuen Medikamenten, die die Vermehrung von HIV auf ganz neue Weise als die bisher verwendeten Medikamente hemmen, ist das neue Therapieziel, auch bei zuvor behandelten Patienten die Virusmenge unter die Nachweisgrenze von 50 Kopien pro Milliliter Blut noch besser zu erreichen. Die Entwicklung neuer Medikamente wird in Zukunft jedoch immer schwieriger, da etablierte Therapien gegen HIV dann virologisch auch immer wirksamer werden.

STICHWORT

CCR5 und CXCR4

Bei Menschen mit einem angeborenen oder erworbenen Mangel an den Zell-Rezeptoren CCR5 und CXCR4 verläuft eine Infektion mit dem Aids-Erreger HIV-1 deutlich langsamer als bei Infizierten ohne diese Veränderungen. Und ein Fehlen von CCR5 scheint sogar eine Resistenz gegen HIV-1 zu gewährleisten. Nennenswerte Nachteile eines CCR5-Mangels sind bisher nicht bekannt. Das Fehlen des Chemokin-Rezeptors CXCR4 ist dagegen mit dem Leben unvereinbar, und möglicherweise ist daher bei seiner Antagonisierung das therapeutische Fenster wesentlich kleiner als bei der Blockade des CCR5-Rezeptors.
(eb)

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