Ärzte Zeitung, 22.07.2010
 

HIV-Experten warnen vor zu viel Euphorie

HIV-Experten warnen vor zu viel Euphorie

"Studie zu Mikrobiziden ist nur ein erster Schritt" / Auch von der Zirkumzision sollten keine Wunder erwartet werden

WIEN (hub). Vor zu viel Optimismus bei Mikrobiziden haben Experten bei der Welt-Aidskonferenz in Wien gewarnt. Medien hatten teils überschwänglich über eine Studie berichtet, in der das Infektionsrisiko bei Frauen mit Mikrobizidanwendung um 40 Prozent verringert war.

Bei der am Mittwoch in Wien vorgestellten Studie CAPRISA (wir berichteten) handele es sich nur um einen ersten Schritt, sagten die Experten bei einer Podiumsdiskussion. Es bräuchte mindestens drei bis vier Jahre, bis weitere Studien ähnliche Ergebnisse ergeben hätten. "Unklar sei auch, ob solche Gele auch einen Schutz für den Mann bieten", sagte Dr. Catherine Hankins, wissenschaftliche Chefberaterin bei UNAIDS. Für eine rektale Anwendung von Mikrobiziden gebe es ebenfalls kaum Daten. Hier hinke die Forschung jener bei vaginaler Anwendung fünf bis sechs Jahre hinterher.

Dass Mikrobizide und auch die Beschneidung bei Männern nicht überbewertet werden dürfen, belegen auch Modellrechnungen, die in Wien präsentiert wurden. Demnach würde die HIV-Infektionsrate bei Männern um 60 Prozent sinken, wenn jeder zweite Mann beschnitten wäre. Derzeit sind in der Südsahararegion knapp 20 Prozent der Männer beschnitten. Auf die Gesamtbevölkerung bezogen bedeutet das allerdings nur einen Rückgang an HIV-Neuinfektionen von zwölf Prozent.

Auch bei der Anwendung von Mikrobiziden sind die Zahlen für die Gesamtbevölkerung niedrig. Die Rate an Neuinfektionen ließe sich um nur gut acht Prozent senken. Und dazu müssten die Präparate eine Anwendungsquote von 80 Prozent und eine Wirksamkeit von 60 Prozent haben. Das liegt deutlich über den Zahlen der CAPRISA-Studie. Mit beiden Maßnahmen zusammen ließe sich also die HIV-Inzidenz also nur um etwa 20 Prozent senken.

In Wien wurde auch noch einmal eindringlich auf die Notwendigkeit einer ausreichenden Finanzierung von Anti-HIV-Programmen hingewiesen. So hatte die WHO bereits am Montag auf fehlende Mittel zu antiviralen Therapie hingewiesen. Die Gerüchte, dass die Industrieländer - vor allem Deutschland - die Mittel sogar kürzen wollten, halten sich in Wien hartnäckig.

Lesen Sie dazu auch den Standpunkt:
Wissen ist Macht gegen HIV

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