Ärzte Zeitung, 13.12.2016
 

HIV-Schwerpunkt

Vernetzung ist Trumpf

100 HIV-Patienten betreut Dr. Wolfgang Mondorf derzeit in seiner HIV-Schwerpunktpraxis, ein Großteil von ihnen sind Bluter. Der Arbeitsaufwand ist hoch – aber er lohnt sich.

Von Anne Bäurle

FRANKFURT/MAIN. Der Skandal liegt schon mehr als 30 Jahre zurück, aber er wirkt bis heute fort: 2000 Menschen mit Hämophilie haben sich in den 1980-er Jahren über kontaminierte Blutkonserven mit dem HI-Virus infiziert, schätzt Dr. Wolfgang Mondorf. Der Internist hat in Frankfurt am Main eine hämostaseologische Praxis mit Schwerpunkt in der Behandlung von HIV-Patienten. Derzeit betreut der Mediziner rund 850 Patienten im Quartal, darunter 100 HIV-Infizierte. Von ihnen sind viele Hämophilie-Patienten.

"Natürlich kommt der Großteil der HIV-positiven Patienten aus der Homosexuellen- oder Drogenszene, doch auch die Bluter waren damals eine nicht unerhebliche Gruppe", erklärt Mondorf. Ein Großteil der 100 HIV-Patienten, die er derzeit betreue, habe sich als Hämophilie-Patient in den frühen 1980-er Jahren durch Blutkonserven infiziert.

"Diese Patientengruppe muss sehr intensiv betreut werden, sei es, weil es zu Wechselwirkungen zwischen antiretroviralen Medikamenten und Medikamenten gegen Gerinnungsstörungen kommen kann, seien es komplizierte Operationen, die anstehen", so Mondorf. Manche Patienten behandle er seit mehr als 20 Jahren.

PrEP als Ersatz für Safer Sex

"Die Compliance ist bei dieser Patientengruppe gerade im Hinblick auf die Langzeittherapie sehr hoch", berichtet der Mediziner. Da die Lebenserwartung bei einer guten und durchgängigen Behandlung nahezu normal ist, hätten die Patienten ein Interesse daran, medikamentös gut eingestellt zu sein – und es auch zu bleiben. "Außerdem wissen die Patienten, dass ihre Behandlung sehr teuer ist und zudem für die Allgemeinheit eine hohe Belastung."

Diese verantwortungsvolle Haltung pflegen allerdings nicht alle Patienten: "Seitdem es die Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) gibt, sehen manche darin einen Ersatz für Safer Sex." Diese Form der Compliance sei bei manchen Patienten tatsächlich in den Hintergrund getreten. "Allerdings ist das eher bei HIV-Positiven aus der Drogen- und Schwulenszene der Fall", meint Mondorf.

Was er allerdings auch beobachtet: "Seitdem sich nicht-infizierte Personen mit der PrEP vor einer Ansteckung mit dem HI-Virus schützen können, geht zwar die Zahl der HIV-Infektionen zurück – aber die Zahl der sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis und Gonorrhoe steigt sehr stark an."

Kollegiales Verhältnis

Mit seiner Praxisgemeinschaft – bestehend aus einem Neurologen sowie einer Gemeinschaftspraxis mit zwei Allgemeinmedizinern mit Zusatzweiterbildung Hämostaseologie und ihm selbst – sieht sich Mondorf an der Schnittstelle zwischen HIV-Behandlung und der Therapie von Gerinnungsstörungen. Viele Hämophilie-Patienten, die mit dem HI-Virus infiziert wurden, hätten sich unwohl dabei gefühlt, mit der Drogenszene in Verbindung gebracht zu werden. Deshalb hätten sich im Bereich der HIV-Versorgung schon früh verschiedene Schwerpunktpraxen gegründet.

Die Kooperation sowohl mit diesen HIV-Schwerpunktpraxen als auch mit den Haus- und Fachärzten und der Uniklinik in der Region funktioniere dabei hervorragend. "Wenn ich eine große HIV-Schwerpunktpraxis oder das Uni-Klinikum für die Betreuung eines Patienten für besser erachte, verweise ich den Patienten an die Kollegen." Es gebe dabei keine Konkurrenz. Mondorfs Erfahrung nach gibt es kein Fachgebiet, in dem die Kooperation – auch sektorübergreifend – so gut ausgeprägt ist wie in der HIV-Behandlung. Auch in Frankfurt habe sich ein engmaschiges Netzwerk gebildet. "Hier im Haus etwa gibt es neben unserer Praxisgemeinschaft noch zwei Zahnärzte, einen HNO-Arzt und einen Nephrologen, die ich den Patienten bei Bedarf auf kollegialer Basis empfehle, da sie viel Erfahrung im Umgang mit HIV-Patienten haben", erklärt Mondorf.

Die meisten seiner Patienten werden von ihrem Hausarzt an ihn verwiesen. "Die Bezugsperson für die Patienten bin mittlerweile immer häufiger ich als Facharzt", so der Hämostaseologe. Viele kämen auch aus ländlichen Gegenden, wo HIV und Aids noch Tabuthemen seien. "Diese Menschen fühlen sich dann bei uns anonymer und wohler", sagt Mondorf. "In diesen Fällen übernehmen wir für Patienten, die manchmal bis zu 100 Kilometer zu uns fahren, auch hausärztliche Tätigkeiten."

Die Schwerpunktpraxis ist für Mondorf dabei finanziell rentabel: "Die Spezialisierung auf HIV-Patienten ist einerseits natürlich sehr fortbildungsintensiv." 25 CME-Punkte pro Jahr muss Mondorf nur für seinen Schwerpunkt für die Betreuung von HIV- und Aids-Patienten sammeln. "Das heißt mindestens sechsmal im Jahr zum Qualitätszirkel. Das ist für eine relativ kleine Patientengruppe schon sehr aufwändig."

Andererseits könne er zum einen die Grundpauschale 13211 oder 13212 als Internist berechnen, zum anderen die Zusatzpauschalen 30920, 30922 und 30924 für die Behandlung von HIV-Patienten. Damit ergebe sich eine Vergütung von derzeit etwa 100 Euro pro HIV-Patient im Quartal. Pro Quartal könne er diese Summe für rund 50 Patienten abrechnen.

Funktionelle Heilung ist erreicht

"Die Fortbildungen sind natürlich sehr wichtig, da sich gerade auf dem HIV-Medikamentenmarkt sehr viel tut", bemerkt Mondorf. "In den 80er Jahren, als es noch keine Behandlung für HIV-Infizierte gab, sind die Menschen tatsächlich gestorben wie die Fliegen, das muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen." Unter diesen Patienten seien auch viele Bluter gewesen.

"In den 90er Jahren sind dann die Protease-Inhibitoren als Therapieoption aufgekommen, die allerdings jede Menge Nebenwirkungen hatten", erklärt der Hämostaseologe. Zu diesem Zeitpunkt habe sich auch das Therapieverständnis gewandelt – weg davon, allein die Lebenserwartung zu erhöhen, stattdessen sei es verstärkt um die Lebensqualität der Patienten gegangen. "Als diese Ära sich dann dem Ende zugeneigt hat, wurden die Medikamente weiter verbessert, mittlerweile ist die Nebenwirkungsrate sehr gering."

Die letzte Stufe sei dann gewesen, die Dreifachtherapie aus Reverse-Transkriptase-Inhibitoren und Integrase-Hemmer in einer Tablette zu konzentrieren. Bei der aktuellen Therapie von HIV-Infizierten müssten die Patienten eine Tablette pro Tag einnehmen und anfangs einmal im Quartal, später einmal im halben Jahr bis einmal jährlich zur Blutkontrolle in die Praxis kommen. "Das hätte ich mir vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen können", meint Mondorf. "Eigentlich steht jetzt nur noch die Heilung aus, eine funktionelle Heilung haben wir ja tatsächlich schon erreicht."

Praxisgemeinschaft in der Gartenstraße in Frankfurt

Die Praxisgemeinschaft besteht aus der hämostaseologischen Gemeinschaftspraxis von Dr. Mondorf und zwei weiteren Allgemeinmedizinern sowie der Praxis eines Neurologen.

Ein Schwerpunkt der Gemeinschaftspraxis liegt neben der Hämostaseologie auf der Betreuung von HIV-Patienten.

Rund 850 Patienten werden hier im Quartal betreut, darunter 100 HIV-positive Patienten. Ein Großteil von ihnen sind Bluter.

Innerhalb Frankfurts ist die Praxis mit mehreren Haus- und Fachärzten und der Uniklinik kollegial vernetzt.

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