Ärzte Zeitung online, 11.05.2017
 

Analyse in Industrieländern

HIV-Infizierte haben heute eine fast normale Lebenserwartung

Die Lebenserwartung HIVinfizierter Menschen ist seit 1996 um zehn Jahre gestiegen. Ein 20-Jähriger, der nun eine antiretrovirale Therapie beginnt, wird schätzungsweise 74 Jahre alt.

Von Thomas Meissner

HIV-Infizierte haben heute eine fast normale Lebenserwartung

Wer heute mit HIV infiziert ist, hat eine Lebenserwartung von schätzungsweise 74 Jahren.

© spukkato / Getty Images / iStock

NEU-ISENBURG. Analysen in 18 europäischen und nordamerikanischen Kohorten haben jetzt bestätigt, dass HIV-infizierte Menschen heute deutlich länger leben, als noch in den 1990er-Jahren oder zu Beginn dieses Jahrhunderts. Die Lebenserwartung kommt jener in der Gesamtbevölkerung sehr nahe, erreicht sie aber noch nicht ganz. Das berichtet die internationale Antiretroviral Therapy Cohort Collaboration (ART-CC) in "The Lancet HIV" (2017; online, 10. Mai 2017). Der Forschungsverbund hat Daten von 88.504 HIV-Patienten ausgewertet, die zwischen 1996 und 2010 eine ART begonnen hatten.

Demnach fiel die Gesamtmortalitätsrate bei HIV-Infizierten mit Therapiebeginn zwischen 2008 und 2010 um 29 Prozent niedriger aus als bei Therapiebeginn zwischen 2000 und 2003. Dieser Erfolg war in der Gruppe jener Patienten, die intravenös Drogen konsumieren, geringer, bestätigte sich aber ansonsten in fast allen betrachteten Subgruppen, so Adam Trickey von der Universität Bristol in Großbritannien und seine Kollegen.

Zwischen 1996 und 2010 stieg die Lebenserwartung einer 20-jährigen Frau mit HIV, die eine ART beginnt, um neun Jahre, die eines 20-jährigen Mannes um zehn Jahre. In Europa werden diese Patienten schätzungsweise 68 Jahre alt, in Nordamerika etwa 66 Jahre, so die Berechnungen der Studienautoren. Bezieht man die CD4-Zellzahl ein, prognostizieren sie derzeit für einen 20 Jahre alten Patienten, der nach einem Jahr Therapie eine CD-4-Zellzahl von über 350/Mikroliter aufweist, eine Lebenserwartung von sogar 78 Jahren. Die Daten stützen zudem die seit 2015 empfohlene Praxis, stets bei allen HIV-Patienten die ART unmittelbar nach Diagnosestellung zu beginnen.

Diese günstige Entwicklung sei nicht allein auf die verbesserte Effektivität und Verträglichkeit moderner antiretroviraler Medikamente zurückzuführen, meint das Autorenteam. Es müssen deutlich weniger Medikamente eingenommen und die Therapieregime sind einfacher als früher, die Virusreplikation wird besser verhindert und die Viren haben es schwerer, Resistenzen zu entwickeln. Treten doch Resistenzen auf, stehen verschiedene Alternativregime zur Verfügung. Die verringerte Toxizität führt zu einer besseren Therapieadhärenz, Screening- und Präventionsprogramme greifen. "Mit der Erfahrung, dass HIV-positive Menschen alt werden können, screenen Ärzte intensiver und behandeln Komorbiditäten aggressiver, besonders was kardiovaskuläre Krankheiten, Hepatitis C und Krebs angeht", schreiben Trickey und seine Kollegen. Die Patienten werden ermutigt aufzuhören zu rauchen und motiviert, die Therapie konsequent durchzuhalten.

Die positiven Resultate all dieser Bemühungen, schränken sie ein, treffen freilich nur zu auf entwickelte Länder und dort wiederum auf Patienten mit hohem sozioökonomischen Status. Unter diesen Umständen sei es unwahrscheinlich, dass die Sterberaten mit neuentwickelten Medikamenten noch wesentlich verringert werden könnten. "Jetzt müssen wir auf Fragen der Therapieadhärenz, der späten Diagnosestellung sowie die Diagnostik und Behandlung bei Komorbiditäten fokussieren", geben die Experten einen Ausblick. Bei Drogengebrauchern müsse die ART gefördert, der Zugang zur Therapie verbessert werden, fordert Trickey, besonders auch bei Hepatitis-C-Koinfektion. Denn die Mehrheit HIV-bedingter Todesfälle betrifft heute Menschen, die gar nicht behandelt werden.

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