Ärzte Zeitung, 14.07.2017
 

Prä-Expositions-Prophylaxe gegen HIV

Wer profitiert von der PrEP?

Die "Pille gegen HIV" gibt es mittlerweile auch in Deutschland. Gedacht ist sie nicht für die breite Masse, sondern in erster Linie für Männer mit einem hohen Ansteckungsrisiko.

Von Elke Oberhofer

Wer profitiert von der PrEP?

Ein homosexuelles Paar: HIV-negative Männer, die Sex mit Männern haben, gehören zu der Risikogruppe von Menschen, denen die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) gegen HIV besonders empfohlen wird.

© belcris / stock.adobe.com

Im August 2016 hat die europäische Arzneimittelbehörde  EMA  der Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) gegen HIV die Zulassung erteilt. Die Kombination aus den Reverse-Transkriptase-Hemmern Tenofovirdisoproxil und Emtricitabin (Truvada®) ist seit Oktober letzten Jahres auch in Deutschland verfügbar; damit gibt es für Menschen mit hohem Risiko einer HIV-Infektion nun auch hierzulande die Möglichkeit, sich gezielt medikamentös vor der Immunschwächekrankheit zu schützen.

Empfehlungen der EACS

Die Leitlinie der EACS (European AIDS Clinical Society) gibt vor, wem man das Präparat in erster Linie empfehlen kann: "HIV-negativen MSM* und Transgender, welche bei Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern oder mit unbehandelten HIV-positiven Partnern nicht regelmäßig Kondome benutzen". Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer HIV-Infektion sind für den Arzt beispielsweise eine kürzlich durchgemachte sexuell übertragbare Infektion (STI) oder die Einnahme eines Präparats zur Postexpositionsprophylaxe.

Dass das Medikament bei Männern mit entsprechendem Risiko wirkt, haben vor allem zwei europäische Studien (PROUD1 und IPERGAY2) gezeigt. Darin sank das Risiko für eine HIV-Infektion im Mittel um 86 Prozent. Therapietreue war das A und O für die Wirksamkeit: Wer die Tablette gemäß den Zulassungsempfehlungen kontinuierlich einmal täglich schluckte, konnte einen nahezu vollständigen Schutz von bis zu 99 Prozent erzielen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, empfiehlt das Leitliniengremium, die Nutzer zusätzlich zu "Safer-Sex"-Maßnahmen inklusive Kondomgebrauch zu beraten.

Bei Frauen ist man mit Empfehlungen für die Prä-Expositions-Prophylaxe deutlich zurückhaltender. Hier, so heißt es in der Leitlinie, könne die Einnahme bei entsprechendem Risikoverhalten "erwogen" werden. Die Vorsicht hängt mit der Pharmakokinetik der Substanzen zusammen: Diese reichern sich in bis zu 100-mal höheren Konzentrationen in der Rektumschleimhaut an als in der Vagina.

Vor Beginn einer PrEP muss in jedem Fall sichergestellt werden, dass nicht bereits eine HIV-Infektion vorliegt. Der HIV-Test ist im weiteren Verlauf regelmäßig zu wiederholen. Gleiches gilt für Hepatitis B und C sowie auch für die Syphilis. Dem Nutzer muss klargemacht werden, dass die PrEP nur vor HIV schützt, nicht aber vor anderen STI. Um mögliche Nebenwirkungen auszuschließen, ist außerdem in viertel- bis halbjährlichen Abständen die Nierenfunktion zu überprüfen.

Regelmäßige Arztbesuche

Die geforderte strikte Adhärenz sowie die regelmäßigen Arztbesuche sind HIV-Experten zufolge eine erhebliche Herausforderung für die Zielgruppe. Der Schwerpunktarzt Dr. Christoph Spinner vom Münchner Klinikum rechts der Isar warnt insbesondere vor einer möglichen Entwicklung von Resistenzen bei "unsachgemäßem Gebrauch und alleiniger und ungenügender Therapie" mit dem Kombipräparat (MMW Fortschr Med 2017; 159, S2: 40–41).

Ein Problem ist derzeit, bei fehlender Übernahme durch die Kostenträger, auch der Preis: So fallen bei regelmäßiger Einnahme von Truvada® Kosten von monatlich etwa 800 Euro an. Dies habe gegenwärtig zur Folge, so PD Dr. Christian Hoffmann vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg (ICH), dass billige Generika aus dem Ausland über Reimporte bezogen werden – an der Arztpraxis und damit an der erforderlichen Gesundheitsüberwachung vorbei.

Noch in diesem Jahr soll laut Hoffmann die PrEP-Arznei in Deutschland generisch werden. Damit bestehe Hoffnung, dass der Preis in absehbarer Zeit deutlich sinken werde.

*MSM: Die Abkürzung steht für: Männer, dieSex mit Männern haben

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »