AIDS/HIV

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Modul: Kutane Alarmzeichen als Hinweise auf AIDS

Ärzte Zeitung online, 30.11.2018

Interview mit Deutscher AIDS-Hilfe

Mit HIV-Selbsttest die Hemmschwelle überwinden!

Der Bundesrat hat im September 2018 den freien Verkauf von HIV-Selbsttests beschlossen. In Bayern werden Einsendetest-Abos in besonderen Risikogruppen getestet. Wir haben Armin Schafberger von der Deutschen AIDS-Hilfe zu den Details befragt.

Von Thomas Meißner

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Vom Selbsttest auf das HI-Virus erhoffen sich Experten, dass er die Hemmschwelle für einen Test senkt.

© Thierry Roge / dpa / picture alliance

Ärzte Zeitung: Herr Schafberger, wie funktioniert der HIV-Selbsttest?

Armin Schafberger

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  • Position: Referent für Medizin und Gesundheitspolitik der Deutschen AIDS-Hilfe in Berlin.
  • Werdegang: Medizinstudium in Bochum und Berlin, Public-Health-Studium in Berlin; Arzt in der Anästhesiologie/ Intensivmedizin in der Charité und den DRK-Kliniken Berlin, Redakteur beim Verlag Walter de Gruyter in Berlin, Koordinator des Tumorzentrums Berlin-Moabit, seit 2001 Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe.

Armin Schafberger: Es handelt es sich um Schnellteste wie sie schon in Gesundheitsämtern oder bei der AIDS-Hilfe verwendet werden. In Deutschland sind Testkits von drei Herstellern für den Selbsttest zugelassen. Damit werden IgG- und IgM-Antikörper bestimmt. Je nach Test liegt das Ergebnis nach zwei bis 15 Minuten vor. Es handelt sich um Suchtests, deren gegebenenfalls positive Ergebnisse mit der üblichen Folgediagnostik bestätigt werden müssen.

Die jetzt verfügbaren Testkits sind im Vergleich zu früheren für medizinische Laien leichter anwendbar in Bezug auf die Art und Weise, wie das kapilläre Blut auf den Teststreifen oder in die Testflüssigkeit gelangt. Im weitesten Sinne ist das vergleichbar mit dem Blutzuckerselbsttest bei Diabetes-Patienten.

Diabetiker sind allerdings die Selbsttestung ihres Blutzuckers gewohnt und ihnen ist das Prozedere gezeigt worden...

Schafberger: ...und wir wollen mit den Selbsttests vor allem jene Menschen erreichen, die sich noch nie auf HIV haben testen lassen und für die die Hemmschwelle, zu einem Arzt zu gehen oder die AIDS-Hilfe aufzusuchen, zu hoch ist. Wir hoffen, dass diese Hemmschwelle mit der Freigabe des Verkaufs nun sinkt.

Für die korrekte Ausführung der Tests liegen Anleitungen bei und die Hersteller bieten auf ihren Internetseiten Erklärvideos an. Die über 50 regionalen Checkpoints der Aidshilfen bieten ebenfalls einen Selbsttest zum Verkauf an, ergänzt um Beratung oder auch direkte Assistenz.

Was kostet ein Selbsttest?

Schafberger: In Deutschland liegt der Preis bei Bestellung in Internetshops zwischen etwa 25 und 30 Euro. Für manche Menschen ist das viel Geld. In den Aidshilfen kostet der Test zwischen 15 und 19 Euro. In Berlin läuft ein Projekt zur kostenlosen Verteilung von 1000 Selbsttests in Clubs.

Ziel ist es ja, die seit Jahren leicht steigende Zahl von derzeit 11.400 Menschen in Deutschland, die HIV-infiziert sind, davon aber nichts wissen, zu reduzieren...

Schafberger: Es ist sicher schwer, dies mit nur einer Stellschraube zu erreichen. So haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahren die Testangebote insgesamt ausgebaut. Es läuft die für drei Jahre konzipierte Informations- und Aufklärungskampagne "Kein Aids für alle", in der wir unter anderem dazu auffordern, dass all jene, die einmal ein Risiko hatten, einen Bilanztest machen. Es geht um die frühe Diagnostik und frühe Therapie. Denn wir wissen heute, dass wir damit die Aids-Erkrankung lebenslang verhindern können.

Wir wenden uns auch an Ärzte mit Seminaren zur Gesprächsführung über sexuell übertragbare Krankheiten (STI) und HIV. Gerade Ärzte, die kaum mit HIV-positiven Menschen in Kontakt kommen, können bei den kompakten Fortbildungen erfahren, bei welchen Symptomen eine mögliche HIV-Infektion erwogen werden muss.

Erfahrungsgemäß wird bei älteren Menschen, besonders Frauen, erst spät daran gedacht. Der Selbsttest ist also nur ein Element von vielen, um die Zahl nicht identifizierter HIVInfizierter zu senken.

Welche Erfahrungen mit HIV-Selbsttests gibt es aus dem Ausland?

Schafberger: Die USA waren unter den großen Industrieländern die ersten, die Selbsttests 2012 eingeführt haben. Dort stellte man fest, dass der Test gerade in jenen Stadtbezirken nicht in Apotheken oder Drogerien erhältlich war, wo er besonders dringend benötigt wurde, nämlich in Vierteln, wo die ärmste Bevölkerung lebt und wo vergleichsweise viele von HIV betroffen sind. Daraus haben wir gelernt, dass wir den Selbsttest auch kostenlos oder kostengünstig anbieten müssen.

In unserem 14-seitigen Dossier HIV / Aids in unserer App-Ausgabe vom 28. November 2018 finden Sie weitere aktuelle Berichte über neue Studienerkenntnisse, Therapieoptionen, Behandlungsempfehlungen, Hintergründe und Analysen.

Die App-Ausgaben der Ärzte Zeitung sind für Ärzte kostenlos. Hier geht‘s zu weiteren Informationen und der Anmeldung.

Weiterhin gab es die Befürchtung, dass die HIV-Selbsttestung zu einer verminderten Testung auf andere STI führen könnte. Nach Erfahrungen in Australien hat sich das nicht bestätigt. Der Selbsttest ist ein zusätzliches Instrument, auch für jene, die sich bereits früher beim Arzt haben testen lassen. Zusätzlich wollen wir jene erreichen, die sich noch nie haben testen lassen, obwohl sie ein Risiko für HIV haben.

Wie soll der Vertrieb laufen?

Schafberger: Dieser ist noch im Aufbau begriffen. Natürlich werden die Apotheken den Test anbieten oder über den Großhandel bestellen können, ansonsten in Aidshilfen und online über Einkaufsplattformen wie Amazon oder einige Drogerieketten. Schon jetzt sind die Tests also bundesweit gut erhältlich. In Hamburg führt eine Drogeriekette die Selbsttests direkt im Laden – das würden wir uns flächendeckend auch von anderen Drogerieketten wünschen.

Worin besteht der Unterschied zwischen Selbsttests und Einsendetests wie die AIDS-Hilfe sie im Rahmen des Projekts S.A.M in Bayern verschickt?

Schafberger: Die Selbsttests betreffen ausschließlich HIV mit Ergebnisablesung zu Hause. Bei den Einsendetests handelt es sich um eine Art Test-Abonnement. Das richtet sich an Menschen mit erhöhtem Risiko für STI wie zum Beispiel Sexarbeiterinnen oder sexuell aktive schwule Männer. Diese bekommen ein bis vier Mal pro Jahr ein Testkit zugesandt, womit außer auf HIV auch auf Gonorrhoe, Syphilis und Chlamydien getestet wird.

Die Abnahme von Blut, Urin sowie von Pharyngeal- und Rektalabstrichen erfolgt durch die Teilnehmer selbst zu Hause. Die Proben werden an ein Labor nach Hamburg geschickt, wo die Analysen erfolgen. Die Ergebnisse werden automatisiert auf eine zentrale Plattform gesendet.

Von dort erfolgt per SMS die Benachrichtigung auf das Handy des Einsenders: Bei positivem Ergebnis wird per SMS um Kontaktaufnahme mit einem der vier Checkpoints der Aidshilfen beziehungsweise einer Aidsberatungsstelle in Bayern gebeten, die sich in München, Nürnberg und Regensburg befinden. Dort werden die Klienten weiter betreut und sie werden an Ärzte verwiesen.

Die Klienten können, nach der Erstregistrierung in einem der Checkpoints, vertraulich an dem Projekt teilnehmen und sich die Testkits zum Beispiel unter einem Pseudonym an eine Packstation senden lassen. Wir benötigen keine Klarnamen, keine Adresse, nur die Handy-Nummer. Bezahlt wird mit Kreditkarte, ebenfalls ohne, dass der Name genannt wird.

Was soll mit dem Projekt erreicht werden?

Schafberger: Zunächst haben wir geprüft, ob die Teilnehmer überhaupt in der Lage sind, die Proben sachgerecht zu nehmen und zu senden. Das funktioniert. Jetzt wollen wir ermitteln, ob wir den richtigen Personenkreis erreichen, ob das Angebot attraktiv ist und ob die Abonnenten bereit sind, die Kosten von 32 Euro pro Testset zu bezahlen.

Erreichen wollen wir vor allem Personen mit erhöhtem Risiko, die ansonsten schwer an Tests herankommen, etwa solche, die auf dem Land leben. Künftig möchten wir Arztpraxen und Gesundheitsämter einbinden und, wenn sich das Projekt bewährt, bundesweit entsprechende Angebote etablieren.

Für HIV-Schwerpunktpraxen könnten Einsendetests von symptomlosen Risikopersonen eine deutliche Entlastung darstellen. Angesichts des zunehmenden Ärztemangels sowie der bereits bestehenden sexualmedizinischen Unterversorgung bestimmter Bevölkerungsgruppen benötigen wir solche niederschwelligen, "Arzt-sparenden" Angebote. In Großbritannien funktioniert das System bereits sehr gut.

Sie erwähnten Fortbildungsangebote der Deutschen AIDS-Hilfe für Ärzte, etwa um zu erlernen, wie man mit seinen Patienten über Sexualität ins Gespräch kommt. Was für Angebote sind das?

Schafberger: Das sind zwei- bis vierstündige Kompaktseminare oder Workshops in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Deutschen STI-Gesellschaft oder der Deutschen AIDS-Gesellschaft. Darin vermitteln wir Hinweise, in welcher Situation und mit welchen Fragen solche Gespräche eröffnet werden können und wie man zeiteffizient zu einem Ergebnis kommt.

Zugleich bringen wir die Teilnehmer in komprimierter Form auf den aktuellen Wissensstand zur Diagnostik und Therapie von STI und HIV. Termine werden auf unserer Homepage bekannt gegeben. Referenten können zum Beispiel für Qualitätszirkel, Tagungen und Kongresse gebucht werden. Inhaltlich bieten wir verschiedene Pakete an.

Was muss Ihrer Meinung nach noch geschehen, um die Zahl nicht identifizierter HIV-infizierter Menschen in Deutschland zu senken?

Schafberger: Ich sehe mehrere Hebel, die in Bewegung gesetzt werden können. Mit den Selbsttests auf HIV können wir besonders schwer erreichbare Menschen mit HIV identifizieren, die Einsendetests auf mehrere STI als Abo sind für besondere Gruppen wie Sexarbeiter geeignet. Hinzu kommt die Sensibilisierung von Ärztinnen und Ärzten, mit ihren Patienten über das Thema Sexualität und über sexuell übertragbare Krankheiten zu sprechen.

Auch in der Bevölkerung muss nach wie vor Informationsarbeit zu STI geleistet werden, am besten in Kombination mit dem Abbau von Ängsten vor HIV und Aids. Beides wird häufig noch in einen Topf geworfen. Wir haben heute so gute Behandlungsoptionen bei HIV, dass der Ausbruch von Aids bei adäquater Therapie dauerhaft verhindert werden kann.

Auch in den medizinisch-professionellen Bereich müssen wir ein neues Bild von HIV hineintragen und deutlich machen, dass die Behandlungsmöglichkeiten heute sehr gut und dass die frühe Diagnose und Therapie vorteilhaft sind. Denn das Immunsystem kann dann eher langfristig erhalten und schwere Erkrankungen können verhindert werden.

Broschüre "HIV früh erkennen – Aids vermeiden" für Ärzte, Mitgliedsorganisationen und Beratungsstellen als Download und gedruckt zu bestellen für die Praxis: www.aidshilfe.de

Seminare und Workshops können gebucht werden unter: www.hiv-sti-fortbildung.de

Das Kooperationsprojekt S.A.M der Aidshilfen, der Firma ViiV und dem Labor Lademannbogen ist unter www.samtest.de zu erreichen.

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