Ärzte Zeitung, 21.09.2004

Infektiosität von Pockenviren ist geringer als oft befürchtet

Simulationsmodell zu Folgen eines Krankheitsausbruchs

TÜBINGEN (ars). Nach dem 11. September 2001 breitete sich die Befürchtung aus, Terroristen könnten in Besitz von Pockenviren gelangt sein. US-Forscher sagten für diesen Fall verheerende Epidemien voraus. Dieses Szenario wird durch ein Simulationsmodell widerlegt: Demnach kann ein Pockenausbruch mit etwa 100 Infizierten ohne jede Impfung binnen eines halben Jahres eingedämmt werden, wobei sich nicht mehr als 600 weitere Personen anstecken.

Nachdem die Pockenimpfung 1972 in den USA und dann 1976 in Deutschland eingestellt worden war, wurde nach dem 11. September wieder Impfstoff für die gesamte deutsche Bevölkerung angeschafft, um gegen einen Angriff gewappnet zu sein. Doch noch immer sind wichtige Fragen ungeklärt: Wie stark können sich die Pocken eigentlich in einer Population ausbreiten, in der seit 30 Jahren niemand mehr geimpft worden ist? Wie lange hält der Impfschutz? Wie wirkungsvoll sind Schutzmaßnahmen?

Am Institut für Medizinische Biometrie in Tübingen wird solchen Fragen unter anderem mit mathematischen Methoden nachgegangen. Privatdozent Martin Eichner analysierte etwa Pockenausbrüche, wie den in Nigeria von 1967 und bestätigte fast vergessenes Lehrbuchwissen: Die Infektiosität der Pockenviren sei nicht so groß wie oft befürchtet, sie beschränke sich auf die Phase mit deutlichen Symptomen, und es stecken sich hauptsächlich die Personen an, die Kranke pflegen, hieß es auf einer Veranstaltung des Instituts. Zwar gehe der Schutz gegen eine Infektion wahrscheinlich innerhalb von 20 Jahren verloren, trotzdem seien Geimpfte auch danach noch jahrzehntelang gegen schwere und tödliche Krankheitsverläufe geschützt.

Weiterhin fand Eichner heraus, daß bei den bisherigen Katastrophen-Planspielen viel zu wenig berücksichtigt wurde, daß Schutzmaßnahmen entscheidend sind, etwa Isolation der Kranken sowie das Auffinden und Überwachen von Kontaktpersonen.

Ein weiterer Schwerpunkt in dem Tübingen Institut sind Simulationen zur Ausbreitung und Kontrolle von ansteckenden Krankheiten wie wie AIDS, SARS, Ebola, Influenza, aber auch Simulationen zur Wirksamkeit von Malaria-Impfungen.

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