Ärzte Zeitung, 13.03.2008

Paul-Ehrlich-Preis 2008 für T-Zell-Forscher

US-Immunologe für Charakterisierung von T-Helfer-Zellen geehrt / Von lebensrettender Infektabwehr bis zu überschießenden Immunreaktionen

Von Nicola Siegmund-Schultze

Welche Bedeutung haben die T-Lymphozyten für die Regulation der Immunantwort? Wie Erfolg versprechend ist ein neuer Impfstoff, wie effektiv eine antiretrovirale Therapie? An der Beantwortung solcher Fragen haben die Forschungsarbeiten des US-Immunologen Professor Tim R. Mosmann aus Rochester großen Anteil. Für seine Forschungen erhält er heute den Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis 2008. Die Auszeichnung ist mit 100 000 Euro dotiert und wird in der Paulskirche in Frankfurt / Main überreicht.

Basis für die Entwicklung neuer Therapie-Optionen

"Die Forschungsarbeiten von Mosmann haben zur Entdeckung von zwei Subtypen von Helfer-T-Lymphozyten, den Th1- und Th2-Zellen, geführt und neue Einblicke in die Krankheitsmechanismen von Infektionskrankheiten und Allergien ermöglicht", begründet der Stiftungsrat der Paul-Ehrlich-Stiftung seine Entscheidung. Das Verständnis der Funktionsweise dieser beiden Subgruppen von Lymphozyten bilde die "Grundlage für die Entwicklung neuer Behandlungsoptionen".

Für die Immunbalance sind die beiden Subtypen der T-Zellen essenziell.

T-Zellen stellen die Weichen für die Immunantwort: Sie aktivieren ihre Mitspieler, verstärken Immunreaktionen, regulieren sie aber auch wieder herunter, um überschießende, schädigende Wirkungen der Körperabwehr zu verhindern. Auch die Art der Immunantwort, nämlich, ob sie eher eine zelluläre oder eine humorale Antwort ist, wird davon beeinflusst, ob Th1- oder Th2-Zellen aktiv sind.

Eine der bahnbrechenden Publikationen, in denen die Th1- und die Th2-Lymphozyten erstmals genauer charakterisiert worden sind, hat Mosmann mit seinen Kollegen vor mehr als zwei Dekaden veröffentlicht (J Immunol 136, 1986, 2348). Zwar war schon in den 70er Jahren bekannt, dass es zwei T-Zell-Subgruppen gibt, die an der Regulation der Immunantwort mitwirken. Unklar war aber, wie sie sich im Detail in der Lymphokinproduktion, in ihrer Funktion und in ihren Oberflächenstrukturen unterscheiden, welche Eigenschaften den beiden Subgruppen gemeinsam sind und wie sie sich wechselseitig beeinflussen.

Th2-Lymphozyten stimulieren die Vermehrung der B-Zellen

Mosmann hat unterschiedliche Mäusestämme mit verschiedenen Antigenen immunisiert und systematisch allo- und autoreaktive T-Zellklone - also gegen fremde und eigene Zellen aktive Lymphozyten - charakterisiert. Das Ergebnis: Th1-Zellen synthetisieren Interleukin (IL) 2 und IL-3 sowie Gamma-Interferon, Th2-Zellen dagegen produzieren weder IL-2, noch Gamma-Interferon.

Inzwischen ist allerdings bekannt, dass sie IL-4, IL-5, IL-6, IL-10 und IL-13 bilden und alle T-Helferzellen in einem frühen Stadium ihrer Aktivierung auch IL-2. Mosmann fand heraus, dass die Aktivierung von Th1-Zellen früher einsetzt als die von Th2-Zellen und sie eher zelluläre Immunreaktionen ankurbeln; Th2-Lymphozyten vermehren sich etwas später nach Antigenaktivierung, stimulieren B-Zellen, sich zu vermehren und zu differenzieren, und induzieren den Wechsel der Immunglobulin-Klassen.

Die Arbeiten von Mosmann erklärten, warum das Verhältnis von Th1- zu Th2-Zellen so essenziell ist für die Ausgewogenheit der Immunantwort: Unter dem Einfluss von Th2-Zellen entwickeln sich vor allem IgG- und IgE-bildende Plasmazellen. Und: Sie sind hauptverantwortlich für Hypersensitivitätsreaktionen und Autoimmunerkrankungen, etwa Lupus erythematodes. Das von Th1-Zellen produzierte Gamma-Interferon stimuliert ihre eigene Vermehrung, bremst allerdings die Aktivitäten von Th2-Zellen und verschiebt so die Immunantwort in Richtung Th1-Lymphozyten.

Heute erforscht Mosmann unter anderem, welche Eigenschaften verschiedene Impfstoffe haben sollten, damit sie optimale klinische Effekte erzielen. Ein Schwerpunkt seiner immunologischen Forschungen sind Influenza-Impfstoffe.

Weitere Infos zum Paul-Ehrlich-Preis finden Sie im Internet unter www.paul-ehrlich-stiftung.de

ZUR PERSON

Professor Tim R. Mosmann (Foto: Paul-Ehrlich-Stiftung) wurde am 7. März 1949 in Großbritannien geboren und studierte Chemie und Physiologie in Durban in Südafrika. Es folgten Promotion und klinische Tätigkeit British Columbia, Alberta und Toronto. Seit 1998 ist Mosmann Professor für Immunologie und Mikrobiologie an der Uni von Rochester im US-Staat New York. Er leitet dort das David H. Smith-Zentrum für Impfstoffbiologie und Immunologie. (nsi)

STICHWORT

Paul-Ehrlich-Preis

Der Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis wird traditionell an Paul Ehrlichs Geburtstag, dem 14. März, in der Paulskirche in Frankfurt am Main verliehen. Mit dem international renommierten Preis werden Wissenschaftler ausgezeichnet, die sich auf dem Forschungsgebiet von Paul Ehrlich (1854 - 1915) besondere Verdienste erworben haben, vor allem in der Immunologie, Krebsforschung, Hämatologie, Mikrobiologie und Chemotherapie. Der Wissenschaftspreis ist mit 100 000 Euro dotiert.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Welche Reformen sind dringend notwendig?

Bürgerversicherung, Regressrisiko, GOÄ: Unsere Leser haben abgestimmt, welche Themen in der Gesundheitspolitik die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken sollte. mehr »

Patienten sollen für Infos zahlen

Patienten und Angehörige sind bei beratungsintensiven Erkrankungen häufig hilflos. Viele Akteure versuchen, neutrale Angebote im Internet bereitzustellen. Ein Biologe will nun Beteiligte auf einer Plattform zusammenführen. mehr »