Ärzte Zeitung, 26.09.2008

Die Substanz


Gewinner des Prix Galien Italien 2007. Kandidat für den Prix Galien International 2008.
Hier stellt sich der Kandidat vor.

Neuartige Antibiotika werden dringend gebraucht

Erreger-Resistenzen schwächen die Wirksamkeit von Antibiotika. Neue Substanzen wie Tigecyclin müssen die Lücken schließen.

"Ließen sich alle Krebskranken heilen, dann stiege die Lebenserwartung der US-Bürger um zwei Jahre. Nach Einführung der Antibiotika hat sich die Lebenserwartung aber um zehn Jahre erhöht." - Dieser Vergleich von US-Infektiologen verdeutlicht den enormen medizinischen Nutzen von Antibiotika (NEJM 319, 1988, 419).

Erst seit ihrer Einführung gibt es kausale Therapien gegen ehemals tödliche Infektionen. Und moderne Therapien, etwa bei Krebs, aber auch große chirurgische Eingriffe lassen sich heute nur sinnvoll vornehmen, weil sich durch Antibiotika in Folge das Risiko für schwere Infektionen minimieren lässt.

Der Fortschritt durch Antiinfektiva ist jedoch bedroht: Erreger werden zunehmend gegen verfügbare Substanzen resistent. Präparate mit neuen Wirkmechanismen müssen die Lücken schließen. Zu den wenigen im letzten Jahrzehnt entwickelten neuartigen Antibiotika gehört Tigecyclin (Tygacil®), der erste Vertreter der Glycylcycline.

Tigecyclin ist gegen viele multiresistente Keime wirksam.

Die Antibiotikaklasse ist eine Weiterentwicklung der Tetrazykline. Tigecyclin hemmt die Proteinsynthese von Bakterien, indem es bei der Übersetzung der genetischen Information (Translation) den Einbau von Aminosäuren in die Peptidketten verhindert. Dazu bindet sich die Substanz an die 30S-Untereinheit der Ribosomen und verhindert, dass sich tRNA-Moleküle anlagern. Das Weiterwachsen der Peptidkette wird so gestoppt.

Durch die Weiterentwicklung wurden zwei wichtige Resistenzmechanismen von Keimen gegen Tetrazykline überwunden. So werden spezielle Effluxpumpen, die den Wirkstoff wieder aus der Bakterienzelle herausbefördern, ausgeschaltet. Kreuzresistenzen - die auf dem Angriffspunkt der Antibiotika beruhen - gibt es zwischen Tigecyclin und den meisten anderen Antibiotikaklassen nicht. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Keime der Gattung Proteae sowie Pseudomonas aeruginosa sind weniger empfindlich gegen das Antibiotikum, weil sie ein spezielles Multidrug-Effluxsystem haben.

In Studien bei komplizierten Haut- und Weichteilinfektionen sowie bei komplizierten intraabdominellen Infektionen hat sich Tigecyclin als sehr wirksam erwiesen und ist bei diesen Indikationen zugelassen. Ebenfalls belegt wurde das breite Wirkspektrum.

Das Präparat ist nach Herstellerangaben das erste Antibiotikum, das gleichzeitig multiresistente grampositive und gramnegative Erreger abdeckt. Dazu gehören Methicillin- und Glykopeptid-resistente Staphylokokken, Penicillin-resistente Pneumokokken, Glykopeptid-resistente Enterokokken, ESBL*-bildende Entero-bakteriaceen, Fluorchinolon-resistente E. coli und multiresistente Acinetobacter. Wichtig für die Therapie ist zudem, dass es bei Tigecyclin nur wenige Kontraindikationen gibt und die Dosis bei älteren, übergewichtigen oder auch niereninsuffizienten Patienten nicht angepasst werden muss.

*extended spectrum betalactamases

Weitere Beiträge zur Serie:
"Innovationen - Forschung in Deutschland und international"

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