Ärzte Zeitung online, 26.05.2009

Neue Krankheiten durch Klimawandel und Globalisierung

GREIFSWALD (dpa). Durch Klimawandel und Globalisierung werden sich aus Medizinersicht in Mitteleuropa Infektionskrankheiten ausbreiten, die dort bisher unbekannt waren. Krankheitsüberträger wie verschiedene Mückenarten könnten in neue Gebiete vordringen, sagte der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit (FLI), Thomas Mettenleiter, am Dienstag auf einer Tagung in Greifswald. Zudem könnten sich auch heimische Tierarten verändern und neue Erreger übertragen.

"Die Blauzungenkrankheit hat uns vor Augen geführt, dass wir mit solchen Problemen und mit einer explosionsartigen Ausbreitung rechnen müssen", sagte Mettenleiter. So sei nicht auszuschließen, dass auch das Westnil-Fieber bald in Süddeutschland auftreten könne. Es stehe mit Nachweisen in Österreich, Ungarn und Bulgarien "quasi vor der Haustür." Die Krankheit wird durch Stechmücken von Vögeln auf den Menschen übertragen und kann zu Fieber, Muskelschmerzen oder auch Hirnhautentzündung führen.

"Durch das Ansteigen der Temperaturen werden Bedingungen geschaffen, unter denen sich eingeschleppte Organismen länger halten werden", sagte Horst Aspöck, Experte für medizinische Insektenkunde und Parasitologie aus Wien. Seit der Eiszeit vor 10 000 Jahren sei die Temperatur in Europa um durchschnittlich sechs Grad angestiegen, innerhalb dieses Jahrhunderts werde mit einem Anstieg von weiteren drei Grad gerechnet. Dies werde enorme Auswirkungen auf die Ausbreitung von Krankheitsüberträgern haben. So seien Insekten wie Mücken Organismen, deren Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur abhängig ist. Zudem führe die Globalisierung dazu, dass Erreger problemlos über Tausende Kilometer verschleppt werden können.

Nach Angaben des Virologen Matthias Niedrig vom Robert Koch-Institut Berlin steht auch die Gelbfiebermücke Aedes aegypti mit ihrem Auftreten auf Madeira "an der Pforte zu Europa". Es sei eine Frage der Zeit, dass die Mücke, "ein hervorragender Überträger von Dengue oder Gelbfieber", über Schiffe nach Spanien eingetragen werde. Auch die asiatische Tigermücke gilt als "Kandidat" für die Übertragung neuer Infektionskrankheiten.

Am FLI auf der Insel Riems hat vor kurzem eine Arbeitsgruppe veterinärmedizinische Entomologie ihre Arbeit aufgenommen. In Greifswald diskutieren bis Donnerstag rund 100 Wissenschaftler aus Europa, Indien und den USA über die Zusammenhänge zwischen den klimatischen Veränderungen und der Verbreitung von Infektionserregern und Krankheitsüberträgern.

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FSME als Klimagewinner

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