Ärzte Zeitung online, 22.09.2009

Forscher fürchten immer neue Krankheitserreger

GÖTTINGEN (dpa). Mediziner und Mikrobiologen fürchten nach der Vogel- und der Schweinegrippe noch weitere vergleichbare Infektionskrankheiten. Voraussichtlich würden sich künftig immer neue Erreger in immer kürzeren Abständen weltweit ausbreiten.

Grund dafür sei, dass immer häufiger ursprünglich nur bei Tieren beheimatete Krankheitserreger durch Mutation die Arten-Barriere zum Menschen überwänden, sagte der Direktor des Instituts für Hygiene des Uniklinikums Münster, Professor Helge Karch, am Montag bei einer Tagung von Mikrobiologen in Göttingen.

Warum und wie tierische Erreger sich so entwickeln, dass sie auch Menschen gefährlich werden können, sei vielfach noch nicht geklärt, sagte Karch. Ein Rolle spiele aber offenbar, dass die Zahlen von Menschen und Tieren steigen und dadurch auch die Zahl der Kontakte wachse, sagte Professor Achim Hörauf, der Direktor des Institutes für medizinische Mikrobiologie an der Universität Bonn. Wegen der überdies zunehmenden Zahl von Fernreisen breiteten sich neue Erreger immer schneller aus.

Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) in Göttingen debattieren rund 1000 Forscher noch bis Mittwoch die neuesten Erkenntnisse über Infektionskrankheiten.

Bedenklich sei, dass es in Deutschland zunehmend an Forschern fehle, die neue wirksame Mittel gegen Viren- und Bakterienerkrankungen entwickeln könnten, kritisierte Tagungspräsident Professor Martin Krönke. Eine Ursache dafür sei sicher die zuletzt deutlich schlechter gewordene Bezahlung für junge Wissenschaftler. Dies führe dazu, dass gerade die Besten in die Schweiz, nach Skandinavien, Irland oder England gingen.

Forschung sei aber nicht nur wegen neuer weltweiter Infektionskrankheiten erforderlich, sondern auch weil immer mehr Bakterien gegen Antibiotika resistent seien, sagte DGHM-Präsident Professor Jürgen Heesemann. Dies sei umso bedeutsamer, als Infektionen zum Beispiel mit Schweinegrippe-Viren wirklich gefährlich erst durch zusätzliche Infektionen mit Bakterien würden.

Krönke vom Uniklinikum Köln geht davon aus, dass die bekannten Antibiotika "schon in ein bis zwei Generationen" nichts mehr ausrichten können, weil bis dahin alle Erreger resistent geworden seien. "Das kommt wie eine Dampfwalze auf uns zu." Deshalb seien dringend zusätzliche Forschungsanstrengungen erforderlich, um alternative Mittel zu entwickeln.

Gleichzeitig bekomme die Hygiene eine immer größere Bedeutung, sagte Karch. Er riet zum Beispiel dringend dazu, sich nach jedem Kontakt mit Tieren die Hände zu waschen, "und zwar mit Seife". Vor allem müsse Hygiene aber auch einen größeren Stellenwert in Krankenhäusern erhalten, sagte Privatdozentin Iris Chaberny von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die DGHM habe dazu eigens eine Arbeitsgruppe gebildet. Ein Großteil der Patienten infiziere sich im Krankenhaus mit teils schon resistenten Erregern. Bei verbesserten Hygiene-Maßnahmen könnte eine Klinik leicht eine Million Euro pro Jahr an Folgekosten sparen, die durch Infektionen entstehen, sagte Karch.

Kongress: www.dghm2009.de

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