Ärzte Zeitung, 07.06.2011

Import von Tularämie aus der Türkei

Import von Tularämie aus der Türkei

Die Diagnose einer Tularämie ist oft knifflig. Eine gute (Reise-)Anamnese kann auf die richtige Spur führen.

Von Privatdozent Tomas Jelinek

Im April diesen Jahres wurde vom Robert Koch-Institut über zwei Fälle von Tularämie in Berlin berichtet, die Reiserückkehrer aus der Türkei mitgebracht hatten. Beide Erkrankten, eine 27-jährige Frau und ein 26-jähriger Mann, hatten sich unabhängig voneinander zu Verwandtenbesuchen in der zentralanatolischen Stadt Yozgat aufgehalten.

Zwei Geschwister des betroffenen Mannes, die in der Türkei geblieben waren, erkrankten dort etwa zeitgleich an der Krankheit.

Erreger der Tularämie ist das gramnegative Bakterium Francisella tularensis, welches in der gesamten nördlichen Hemisphäre auftritt. Reservoir sind vor allem Nagetiere, weshalb die Krankheit auch als "Hasenpest" bezeichnet wird.

Die Übertragung erfolgt durch Haut- oder Schleimhautkontakt mit dem Fleisch oder Blut infizierter Tiere, durch orale Aufnahme von kontaminierten Lebensmitteln oder Wasser, aber auch durch die Inhalation erregerhaltigen Staubes oder durch Zeckenstiche.

Abhängig von der Eintrittspforte der Keime kann das Krankheitsbild sehr vielgestaltig sein.

Am häufigsten ist die ulzeroglanduläre Form mit Bildung eines Geschwürs an der Erreger-Eintrittsstelle, regionaler Lymphadenitis, teils mit eitriger Einschmelzung, begleitet von Allgemeinsymptomen wie Fieber und Gliederschmerzen.

Bei Patienten mit oraler Aufnahme der Keime kommt es zur oropharyngealen Form mit Ulzerationen im Mund- oder Rachenbereich und Schwellung der Halslymphknoten oder zur intestinalen Form mit Magen-Darm-Symptomatik. Seltener sind pneumonische oder septische Krankheitsverläufe.

Die Diagnose ist oft schwierig, hinweisend kann die Anamnese - also eine erfolgte Reise, Tierkontakte oder ein Zeckenstich - sein. Bestätigt wird die Krankheit durch PCR oder serologisch. Zur Therapie werden Doxycyclin, Ciprofloxacin und gegebenenfalls Aminoglykoside eingesetzt.

In Deutschland erkrankten im vergangenen Jahr 31 Menschen an Tularämie. In der Türkei kam es im Jahr 2010 zu mehreren hundert Fällen der Erkrankung.

Bei Patienten mit fieberhaften Allgemeinsymptomen in Verbindung mit Ulzerationen, Lymphadenopathie, Pharyngitis oder Tonsillitis und entsprechender Reiseanamnese sollte deshalb eine Tularämie in die differenzialdiagnostischen Überlegungen einbezogen werden.

Infos zur Reisemedizin: www.crm.de

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wie das Ebola-Virus das Immunsystem austrickst

Das Ebola-Virus hat einen molekularen Trick entwickelt, mit dem es das Immunsystem ablenkt. Ganz hilflos ist das Immunsystem allerdings nicht – dank einer Gegenmaßnahme. mehr »

Medizin unterm Hakenkreuz

Die zweite Staffel der erfolgreichen Klinikserie erzählt die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs an Deutschlands berühmtester Klinik – und die Abgründe der Medizin in der Nazizeit. mehr »

Erhitztes, rauchfreies Tokio?

Olympia 2020 in Tokio steht unter einem schlechten Stern: Die Hitzewelle 2018 rückt die Gesundheitsgefährdung für Athleten wie Zuschauer in den Fokus. Die Megalopole soll zudem zum rauchfreien Gastgeber werden. mehr »