Ärzte Zeitung online, 20.09.2011

Tödliches Amsel-Virus für Menschen gefährlich?

Mysteriöses Massensterben: Im Südwesten sterben reihenweise Amseln am tropischen Usutu-Virus. Experten sind alarmiert: Der Erreger kann auch Menschen infizieren.

Ist das tödliche Amselvirus auch für den Menschen gefährlich?

Amselfütterung: In Hessen grassiert derzeit das für Amseln gefährliche Usutu-Virus.

© Bernd Jürgens / fotolia.com

HAMBURG (MUC/bs). Wissenschaftler um Dr. Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut (BNI) haben in einer toten Amsel aus Hessen mittels quantitativer Echtzeit-PCR Usutu-Viren nachgewiesen. Das zur Gruppe der Flaviviren gehörende Virus ist ursprünglich in Afrika beheimatet und wird durch Moskitos übertragen.

"Der Befund ist alarmierend, da Usutu-Viren auch den Menschen infizieren können. In Deutschland sind jedoch bisher keine Infektionen von Menschen diagnostiziert worden", berichtet Schmidt-Chanasit in einer Meldung des BNI.

Einer Übersicht im europäischen Journal für Infektionskrankheiten "Eurosurveillance" zufolge wurde das Virus vor einigen Jahren nach Europa eingeschleppt (Euro Surveill 2011; 16(31), August 2011).

Rätselraten um Amselsterben

Seit etwa zwei Monaten beschäftigt ein rätselhaftes Amselsterben mit Tausenden von toten Tieren die Vogelexperten des Naturschutzbundes Deutschland (NABU) vor allem in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. In einigen Gebieten sind die Amseln fast vollständig verschwunden.

Auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der KABS in Waldsee sammeln zurzeit tote Amseln und schickten erste Vögel zur Untersuchung ans BNI. „Wir vermuteten schon, dass Usutu-Viren die Ursache sein könnten“, erklärt Becker.

Mit einem im vergangenen Jahr entwickelten Schnelltest – basierend auf der RT-PCR-Methode – bestätigte die Gruppe um Schmidt-Chanasit über Nacht die Vermutungen der Experten aus Süddeutschland.

Österreichische Amseln sind immun geworden

In Österreich verendeten im Sommer 2001 massenhaft mit Usutu-Viren infizierte Amseln. Bei dem dortigen Ausbruch sind allerdings keine erkrankten Menschen registriert worden, und die Amselpopulation hat sich auch wieder erholt, nachdem die Vögel dort gegen den Erreger immun geworden sind.

In den folgenden Jahren wurde das Virus dann in toten Vögeln und/oder Moskitos in weiteren Ländern nachgewiesen, unter anderem in Ungarn, Italien, Spanien, der Schweiz, Deutschland, Tschechien, Großbritannien.

Für den Menschen wurde das Usutu-Virus lange Zeit nicht als Bedrohung angesehen, da keine schweren oder tödlichen Erkrankungen bekannt waren. Im Jahr 2009 wurde in Italien bei mehreren Patienten Usutu-Fieber diagnostiziert.

Unter ihnen waren zwei immungeschwächte Personen, die eine Enzephalitis entwickelten. Sie waren die weltweit ersten Fälle, in denen ein ZNS-Befall durch Usutu-Viren beschrieben wurde.

Übertragung durch Stechmücken

Üblicherweise geht die Infektion mit Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlag einher. Die Ansteckung erfolgt über Blut, das heißt, Stechmücken können Überträger sein. Infizierte Vögel sind dagegen keine Gefahr.

In Italien wurden die Krankheitsfälle im Rahmen eines Überwachungsprogramms für das ebenfalls zu den Flaviviren gehörende West-Nil-Virus entdeckt. Die tatsächliche Zahl der Usutu-Virus-Infektionen beim Menschen könnte also durchaus auch höher liegen.

Zwar stelle das Virus derzeit keine größere Bedrohung dar, schreiben die Autoren des Eurosurveillance-Artikels. Da es jedoch keine Möglichkeit zur Behandlung gebe, müsse die Überwachung der Virusaktivität verstärkt werden.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Freunde hinterlassen Spuren im Gehirn – Rauchen auch

Sport, Alkohol, soziale Kontakte – die Lebensführung spiegelt sich im Gehirn wider, so eine Studie. Und: Raucherhirne laufen auf Hochtouren. Doch das ist nicht positiv gemeint... mehr »

§219a – Eine Reform und ihr Preis

Am Ende ging es schnell: Nach dem Beschluss im Bundestag, dürfen Ärzte künftig informieren, dass sie Abtreibungen anbieten. Glücklich ist mit dem Kompromiss niemand. Auch nicht mit der Studie zu den Folgen einer Abtreibung. mehr »

GBA warnt Spahn vor „Systembruch“

18.30 hDer Versuch von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Bewertungsverfahren im Gemeinsamen Bundesausschuss zu umgehen, stößt auf massive Gegenwehr – nicht nur im GBA. mehr »