Ärzte Zeitung online, 15.02.2012

Antibiotika-Hochburg Nordosten

Flickenteppich bei der Verschreibung von Antibiotika: Ärzte im Nordosten verordnen öfter als ihre Kollegen im Süden, zeigt eine neue Studie. Und: Es gibt große Unterschiede zwischen Haus- und Fachärzten.

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GÜTERSLOH (chb). Bei der Verordnung von Antibiotika für Kinder gibt es in Deutschland große regionale Unterschiede. Das zeigt der "Faktencheck Antibiotika" der Bertelsmann-Stiftung, der am Mittwoch vorgestellt wurde.

So haben die Studienautoren um den Bremer Pharmazeuten Professor Gerd Glaeske herausgefunden, dass in Sachsen-Anhalt die Verordnungsprävalenz mit 50,6 Prozent deutlich höher ist als zum Beispiel in Schleswig-Holstein mit 31,1 Prozent oder auch in Baden-Württemberg mit 33,8 Prozent.

Überdurchschnittlich häufig werden Antibiotika auch im Saarland (46 Prozent) und in Thüringen (44 Prozent) verschrieben.

Für die Untersuchung hat die Stiftung hauptsächlich Routinedaten der GEK aus dem Jahr 2009 ausgewertet. Zusätzlich wurden spezifische Daten der Barmer GEK aus dem Jahr 2010 analysiert, in dem die beiden Kassen fusioniert waren.

Hausärzte bei Otitis vorne

Die Studie zeigt auch ein unterschiedliches Verordnungsverhalten in den Facharztgruppen.

"Bei nicht eitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen Antibiotika laut Leitlinien nur in Ausnahmefällen angezeigt sind, verordnen 33 Prozent der Allgemeinmediziner Antibiotika, aber nur 17 Prozent der Kinderärzte und neun Prozent der HNO-Ärzte", so die Studienautoren.

Bei Lungenentzündungen, bei denen eine Antibiotikaabgabe per Leitlinie empfohlen werde, verordneten dagegen 80 Prozent der Kinderärzte Antiinfektiva, aber nur 66 Prozent der Hausärzte.

Eindeutige Erklärungen für die großen regionalen Unterschiede liefern die Autoren nicht. Allerdings zeige sich zum Beispiel, dass in Regionen mit einer hohen Arztdichte die Verordnungszahlen niedriger seien.

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass in diesen Regionen mehr Zeit für Fortbildung und Kommunikation bleibe. Ähnlich argumentiert auch der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Wolfram Hartmann.

Im internationalen Vergleich seltener

"Die Erklärung scheint zu sein, dass Antibiotika häufiger Kindern verordnet werden, wo weniger Kinderärzte niedergelassen sind", sagte Hartmann der Deutschen Presse Agentur.

Untersuchen will die Bertelsmann-Stiftung auch noch, ob ein Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Eltern und der Häufigkeit des Antibiotikaeinsatzes besteht.

Menschen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss verlangten vom Arzt eventuell häufiger die Verschreibung von Antibiotika.

Hinweise darauf ergäben sich bereits aus einer schwedischen Studie, sagt Thomas Neldner von der Bertelsmann-Stiftung. Hier werde es weitere Korrelationsanalysen geben.

Bei aller Kritik an dem regional sehr unterschiedlichen und zum Teil zu häufigen Einsatz von Antibiotika zeigt die Datenanalyse aber auch, dass im internationalen Vergleich in Deutschland eher selten Antibiotika verschrieben werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Antibiotika sind nicht erste Wahl

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