Ärzte Zeitung online, 19.12.2013

Mers

Ein Coronavirus bedroht die Welt

Dutzende Menschen sind schon an Mers gestorben. Das Coronavirus, das vor allem im Mittleren Osten auftritt, bereitet Gesundheitsexperten große Sorgen. Wissenschaftler forschen an einem Impfstoff.

BONN/GENF. "Das neue Coronavirus ist eine Gefahr für die ganze Welt." Deutlicher konnte die Warnung kaum ausfallen, mit der sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Frühjahr dieses Jahres an die Öffentlichkeit richtete. "Keine neue Krankheit ist unter Kontrolle, die sich rascher entwickelt als unser Verständnis davon", mahnte die WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf weiter.

Die Warnung der UN-Behörde bezog sich auf das Mers-Virus - offiziell auch "Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus" (Mers-Cov) genannt.

Mers ähnelt dem Sars-Erreger, der vor zehn Jahren eine Pandemie auslöste. Weltweit starben damals etwa 800 Menschen. Ähnlich wie Sars befällt das neue Virus die Lunge. Und ähnlich wie bei der Sars-Krankheitswelle gibt es unter Forschern und in Gesundheitsbehörden seit dem Mers-Ausbruch viele Fragen und Sorgen.

Coronaviren sind in der Lage, schnell zu mutieren

"Wir wissen nicht, ob das Virus so bleibt wie es ist. Das ist das große Problem", sagt etwa Christian Drosten vom Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn. Der Professor konnte gemeinsam mit Kollegen vor zehn Jahren das Sars-Virus identifizieren. Nun forscht er mit seinen Mitarbeitern seit mehreren Monaten an Mers.

Coronaviren seien in der Lage, schnell zu mutieren, erklärt der Virologe. "Die meisten mutieren so, dass sie eine verbesserte Übertragungsfähigkeit gewinnen."

Mehrere Szenarien seien hier denkbar- im schlimmsten Fall verändere sich der Mers-Erreger so, dass er sich rapide vermehren kann. Das hätte unberechenbare Folgen.

Doch wann kann es überhaupt zu gefürchteten Mutationen kommen? "Das Virus tut es, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt", sagt Drosten. "Je länger es unkontrolliert, unbewacht und frei in der Menschheit zirkuliert, hat es Zeit zu experimentieren."

Mers hatte schon einige Monate Zeit für Experimente. Die ersten Infektionen wurden 2012 an die WHO gemeldet. Seitdem gibt die UN-Organisation immer wieder neue Erkrankungs- und Todesfälle bekannt: manchmal im Abstand von Wochen, manchmal von wenigen Tagen.

Typischerweise leiden die Patienten zunächst an grippeähnlichen Symptomen wie Husten, Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen. Das Virus kann aber auch zu einer schweren Lungenentzündung führen. Mindestens ein Drittel der Patienten leidet an Magen-Darm-Beschwerden.

Über 160 Infektionen

Die meisten Infektionen wurden von der arabischen Halbinsel gemeldet. Alle anderen Fälle - etwa in Frankreich, Großbritannien oder Italien - stehen im Zusammenhang mit dem Mittleren Osten, vor allem Erkrankungen nach Reisen. Insgesamt wurden bereits deutlich über 160 Mers-Infektionen registriert, fast jeder zweite Patient starb.

Drosten glaubt, dass diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs sind. "Statistiken schleichen einem Ereignis immer hinterher. Wir haben hier eine Fallstatistik, bei der wir uns eigentlich sicher sein können, dass sie nicht "up to date" ist."

Mit dieser Annahme steht der Virologe nicht alleine da. So widmete sich etwa eine Arbeitsgruppe um Neil Ferguson vom Imperial College London der Frage, wie viele Mers-Infektionen es tatsächlich bislang gab. Die Forscher nehmen - auf der Basis von Berechnungen - an, dass bis zum August 2013 mindestens 62 Prozent der symptomatischen Fälle bei Menschen im Mittleren Osten unentdeckt geblieben sind.

Möglicher Lebendimpfstoff wurde bereits hergestellt

Dass Mers von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, weiß man heute durch verschiedene Berichte. Einige Betroffene steckten sich etwa im Krankenhaus, andere am Arbeitsplatz an. Der Beantwortung der Frage, wie das Virus überhaupt zum Menschen gekommen ist, kommen die Wissenschaftler indes erst langsam immer näher.

Coronaviren können sowohl in Vögeln als auch in Säugetieren vorkommen. Mehr und mehr Studien weisen darauf hin, dass Mers seinen Ursprung in Fledermäusen hat.

Experten konnten das Virus inzwischen auch in einer Kamelherde in Katar nachweisen, zu der zwei infizierte Menschen Kontakt hatten. Unklar ist nach WHO-Angaben allerdings, ob die Kamele die Menschen oder die Menschen die Kamele infiziert hätten oder ob die Infektionen von einer dritten Quelle stammten.

Erst mit genaueren Forschungsergebnissen können die Experten Entscheidungen treffen - das Spektrum ist laut Drosten groß. Es reiche von Nichtstun - falls das Virus nicht mutiert und relativ harmlos bleibt - über Reiseauflagen und Impfungen für Menschen - falls das Virus aggressiv von Mensch zu Mensch übertragen wird - bis hin zu Impfungen für Tiere - falls das Virus ständig von Kamelen auf den Menschen springt.

Ein möglicher Lebendimpfstoff gegen Mers wurde bereits an der Ludwig-Maximilians-Universität München hergestellt. Forscher testeten das Vakzin erfolgreich an Mäusen. Doch bis zum Einsatz beim Menschen ist es ein langer Weg. "So ein Impfstoff muss erst klinisch erprobt und dann offiziell zugelassen werden", sagt Drosten. "Wenn das Vorgehen irgendwo beschleunigt werden muss, dann an dieser Stelle." (dpa)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Drastisch veränderte Mundflora bei Krebs

Beim Plattenepithelkarzinom der Mundhöhle ist die Zusammensetzung des oralen Keimwelt im Vergleich zu Gesunden drastisch verschoben. mehr »

Engagement, das Früchte trägt

Jungen Menschen fehlt es an Gespür für ehrenamtliches Engagement? Ein Vorurteil, wie sich bei der Springer Medizin Gala gezeigt hat. Deutlich wurde auch, dass Engagement für Hilfsbedürftige auch den Sinn für das Politische schärft. mehr »

So wird Insulin für Diabetiker produziert

Hinter den Toren des Industrieparks Höchst bieten sich faszinierende Einblicke in die Welt der Hochleistungs-Biotechnologie: Milliarden von E.coli-Bakterien produzieren hier das für Diabetiker überlebenswichtige Insulin. mehr »