Ärzte Zeitung, 12.11.2014

Dengue-Virus-Infektion

Nicht nur Fieber und Kopfschmerzen

Jedes Jahr infizieren sich 50 bis 100 Millionen Menschen mit dem von Insekten übertragenen Dengue-Virus, schätzt die WHO. Bei einigen Patienten entwickeln sich teils schwere neurologische Komplikationen.

Von Peter Leiner

Nicht nur Fieber und Kopfschmerzen

Die Weibchen der Gelbfiebermücke sind die wichtigsten Überträger der Denguefieberviren.

© Prof. Frank Hadley Collins / CDC

LUCKNOW/INDIEN. Jedes Jahr infizieren sich 50 bis 100 Millionen Menschen mit dem Dengue-Virus, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Etwa 2,5 Milliarden Menschen vor allem in den Tropen und Subtropen sind dem Risiko einer Infektion mit dem durch Insekten übertragenen Flavivirus ausgesetzt, von dem es vier Serotypen gibt.

Meist ist die Infektion selbstlimitierend, die unter anderem mit Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Abdominalbeschwerden einhergehen kann. Bei schweren Formen kommt es auch zu hämorrhagischen Manifestationen. Berichte über eine Beteiligung des ZNS und des peripheren Nervensystems sind nicht einheitlich.

Zudem ist noch nicht klar, wie das Virus in das Nervensystem gelangt, wie jetzt Neurologen von der Universität in Lucknow betonen. Zwischen 2011 und 2013 hatten die Ärzte Infektionen mit Dengue-Viren bei Patienten der Klinik mit einem Einzugsgebiet im Nordosten Indiens bis nach Nepal dokumentiert (Neurology 2014; 83: 1601-1609). In dieser Region ist die Ansteckungsrate besonders hoch.

Befunde von 486 Dengue-Infizierten

In ihrer Studie prüften die Ärzte, wie hoch die Inzidenz neurologischer Komplikationen nach einer Dengue-Virus-Infektion ist und welche Faktoren als Prädiktoren geeignet sein könnten. Sie werteten dazu die Befunde von 486 Infizierten aus, bei denen die Infektion nach Empfehlungen der WHO serologisch oder per PCR bestätigt worden war.

Insgesamt 48 Patienten entwickelten neurologische Komplikationen, davon 28 Patienten unter ZNS-Beteiligung und 17 unter Beteiligung des peripheren Nervensystems. Damit lag die Inzidenz neurologischer Komplikationen bei 9,26 Prozent, also etwas höher als in früheren Berichten mit einem Anteil von 4 bzw. 5,4 Prozent.

Mit 33 Prozent war Enzephalitis am häufigsten, gefolgt von Enzephalopathie (22 Prozent), Myositis (13 Prozent), Guillain-Barré-Syndrom und hypokaliämischer Lähmung mit jeweils 9 Prozent sowie der neuralgischen Amyotrophie und Myelitis mit jeweils 7 Prozent.

Zwei der 45 Patienten mit neurologischen Komplikationen starben, die übrigen erholten sich. Bei beiden Patienten war das ZNS betroffen. In der Gruppe der Infizierten ohne neurologische Komplikationen starben drei.

Als unabhängige Prädiktoren für neurologische Komplikationen stellten sich erhöhte Hämatokritwerte, Thrombozytopenie und erhöhte Leberwerte in der Frühphase der Infektion heraus. Einer Multivariatanalyse zufolge weist eine zusätzlich erhöhte Körpertemperatur auf eine ZNS-Beteiligung hin, ein Hautausschlag (Rash) und erhöhter Hämatokrit mit erhöhter Körpertemperatur eher auf eine Beteiligung des peripheren Nervensystems hin.

Systemische Sekundärreaktion

Unklar ist weiterhin, ob die neurologischen Komplikationen durch direkte Invasion des Flavivirus in das Nervensystem entstehen oder das Virus passiv über die Blut-Hirn-Schranke ins ZNS gelangt. Nach Angaben der Ärzte haben sie serologische Hinweise dafür, dass es sich um eine direkte Neuroinvasion handelt.

Bisherige Untersuchungen lassen vermuten, dass die neurologischen Komplikationen nach Dengue-Virus-Infektionen zum einen auf systemischen Sekundärreaktionen beruhen, etwa mikrokapilläre Blutungen, Freisetzung toxischer Substanzen sowie Leber- und Niereninsuffizienz. Zum anderen kommt es durch die Infektion zu immunvermittelten Reaktionen.

Schließlich hätten die Viren direkte neurotrope Eigenschaften mit der Folge einer Enzephalitis, Myelitis oder Myositis.

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