Ärzte Zeitung online, 05.02.2015

Ziel verfehlt

Großer Masern-Ausbruch statt Ausrottung

Die deutschen Pläne zur Ausrottung der Masern bis 2015 sind endgültig gescheitert. Der aktuelle Ausbruch in Berlin zeigt: Die Impflücken sind zu groß.

Von Ulrike von Leszczynski

Masern-A.jpg

Masernexanthem: Bei dem aktuellen Ausbruch in Berlin erkranken besonders viele Jugendliche und junge Erwachsene.

© American Academy of Pediatrics

BERLIN. Ein großer Masern-Ausbruch in Berlin macht deutlich, dass die deutschen Pläne zur Ausrottung der Krankheit erneut verschoben werden müssen.

Seit Beginn der Ansteckungswelle im Oktober sind allein in der Hauptstadt 375 Menschen erkrankt - über die Hälfte davon Erwachsene, berichtet das RKI (Epi Bull 2015; 5: 37).

Mehr als 100 Patienten kamen nach der Statistik des Landesamtes für Gesundheit und Soziales bisher ins Krankenhaus. Die Welle läuft weiter.

Allein im Januar gab es 254 neue Masern-Fälle in Berlin. Und 90 Prozent der bisher befragten 335 Patienten gaben an, nicht gegen Masern geimpft zu sein.

Geplant waren weniger als 82 Erkrankte

Ginge es nach der Bundesregierung, dürfte es in Deutschland in diesem Jahr nicht mehr als 82 Masern-Erkrankungen geben. Denn auch die Bundesrepublik hat sich bei der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, die hochansteckende Infektionskrankheit bis 2015 auszurotten.

Die Probleme: Viele Jugendliche und jüngere Erwachsene sind ungeschützt und noch immer wird jedes dritte Kleinkind in Deutschland nicht rechtzeitig gegen Masern immunisiert.

"Insgesamt ist der Impfstatus in der Bevölkerung weiterhin zu gering", so Dr. Anette Siedler, Leiterin des Fachbereichs Impfprävention am RKI. "Der Berliner Ausbruch ist ein herber Rückschlag." Er mache die Impflücken in Deutschland sehr deutlich.

Der Ausbruch begann im Oktober unter Asylbewerbern aus Bosnien, Herzegowina und Serbien, dort gibt es große Impflücken seit dem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren.

In Berlin sind inzwischen aber mehr als die Hälfte der neuen Masern-Patienten bereits aus der angestammten Bevölkerung, darunter auch viele Erwachsene, die nach 1970 geboren wurden. Für diese Jahrgänge gibt es große Impflücken.

Dr. Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, wundert der Ausbruch in Berlin nicht: "Die Politik tut einfach noch zu wenig, das ist ein Eiertanz."

2013 hatte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) laut über eine Impfpflicht bei Masern als letztem Mittel nachgedacht.

Fegeler fände es hilfreich, wenn alle öffentlichen Einrichtungen von der Kita bis zur Schule einen Impfnachweis vor der Aufnahme eines Kinder verlangten.

Gefährlich für Säuglinge

Besonders auch für Säuglinge können Masern hochgefährlich werden. Sind ihre Mütter nicht geimpft, dann greift kein Nestschutz — und im Alter unter neun Monaten können sie nicht selbst immunisiert werden.

"Meiner Meinung nach ist es für jeden ein Gebot der Verantwortung, selbst für einen ausreichenden Impfschutz zu sorgen."

Zwang hält Siedler für den falschen Weg. Verpflichtende Impfnachweise an Schulen hätten in den USA wenig gebracht. Auch dort läuft gerade eine Masernwelle, die im Dezember im Disneyland in Kalifornien ihren Anfang nahm.

Bereits 100 Kranke im Januar lassen die Behörden nervös reagieren. Denn sie glaubten, die Masern im Griff zu haben. Nun zeigt sich, dass Ausnahmegenehmigungen der Wunsch-Impfquote entgegenwirken.

Siedler setzt in Deutschland auf Information und Überzeugung. Alle großen Ausbrüche in Deutschland, die etwa vor zwei Jahren zur zeitweiligen Schließung von Schulen führten, hätten bisher nur einen kurzen "Aha-Effekt" ausgelöst.

Nötig sei ein anderes Bewusstsein. Viele Eltern hätten das zum Schutz ihrer Kinder bereits entwickelt, vor allem seit die Impfungen an Vorsorge-Untersuchungen gekoppelt sind. Was fehlt, seien oft die Erwachsenen selbst.

Der Winter begünstige Ansteckungen, betont Siedler. Auch Masern beginnen mit Erkältungssymptomen und würden häufig nicht sofort erkannt. "Dieser Ausbruch ist wie ein Appell, Impfungen jetzt nachzuholen. Denn den Viren ist es egal, wen sie treffen." (dpa)

[08.02.2015, 00:05:39]
Dr. Klaus Weiner 
Kommentar zum Kommentar :Impfstrategie endlich umsetzen !
Sosehr ich die Recherche des Kollegen Schätzler schätze,so ist seine Aussage "wenn faktisch geimpfte Patienten genauso an Masern erkranken können".. einfach falsch.90% der Erkrankten waren schließlich ungeimpft-und nicht umgekehrt! Erstmal braucht es keine neue Strategie,es hapert an der Umsetzung der vorhandenen!Daß die gelingen kann,haben die skandinavischen Länder längst bewiesen.Dort empfiehlt man inzwischen,vor einer Reise nach Deutschland den eigenen Impfschutz gegen Masern zu überprüfen...

Dr.Klaus Weiner, Bamberg zum Beitrag »
[06.02.2015, 16:15:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Keine Strategie ist auch eine Strategie!
Beim Schutz gegen die gefährlichen, komplikationsreichen, hoch-kontagiösen Masern (historisch "Morbilli" = "kleine Pest") regiert das Chaos: Ein großer Anteil der in Deutschland geborenen Kinder hat die zweifache MMR-Impfung gegen Masern-Mumps-Röteln erhalten. Damit wird die Minderheit der Ungeimpften bis zu einem gewissen Grad geschützt, wenn es nicht von außen zu einer Übertragungswelle kommt.

In den USA (318,81 Mio. Einwohner) sind aktuell im Januar landesweit 102 Menschen als neu erkrankt gemeldet. 2014 waren es insgesamt 644 Patienten. Ein Schwerpunkt ist Kalifornien (CAL), wo seit Dezember 2014 allein 82 Besucher und fünf Mitarbeiter von Disneyland und Disney California Adventure Park erkrankt sind.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/article/878600/masern-usa-besucher-disneyland-betroffen.html

Dieses Jahr gab es im Januar 254 neue Masern-Fälle allein in Berlin (3,517 Mio. Einwohner). Besonders ungeimpfte Asylbewerber, Migranten oder EU-Bürgerinnen und Bürger aus Staaten mit unterentwickelter bzw. unbezahlbarer Impfprävention gefährden sich selbst und Dritte durch ihre hohe Masern-Prävalenz. Andere "communicable diseases" wie Hepatitis A+B, Tbc, Diphtherie, Influenza, Pertussis, HiB, Meningitis, Varizellen usw. kommen hinzu.

Aber es geht auch um mangelnden Netzschutz für Säuglinge und Kleinkinder durch die verlangsamte Generationenfolge. Späte Erstgebärende haben entgegen den Versprechungen der Impfindustrie k e i n e n bleibenden Immunschutz durch die zwei MMR-Erstimpfungen. Handelsüblicher MMR-Impfstoff bietet nachweislich keine optimale Serumkonversion, sonst wären keine 2 Grundimmunisierungen und später mindestens eine Boosterung im Erwachsenenalter empfohlen. Die RKI- und STIKO-Empfehlung, "junge Erwachsene, die nach 1970 geboren wurden" im Zweifel nochmal mit einer weiteren MMR-Impfung aufzufrischen, bezieht sich auf "junge Erwachsene", die mittlerweile bis zu 45 Jahre alt sind.

Selbst die vom Robert-Koch-Institut (RKI) und der STIKO reflexartig empfohlene, möglichst frühe Erstimpfung entlarvt sich als Pseudo-Strategie: Defay, F. et al. stellten dies mit dem Titel: "Measles in Children Vaccinated With 2 Doses of MMR. Pediatrics 2013; online 21. Oktober 2013; DOI: 10.1542/peds.2012-3975 heraus. Die frühe Masernimpfung bei Kindern im Alter von zwölf Monaten ist eher ungünstig. Nach den Daten dieser kanadischen Studie ist die Gefahr, dass der Impfstoff dann versagt, fünfmal höher. Besser sei es, mit einer Erstimpfung erst im 15. Lebensmonat zu beginnen.
http://www.springermedizin.de/fruehe-masernimpfung--schlechte-schutzwirkung/4765318.html

Bei vom RKI erfassten Masernfällen waren die Kinder in 90% u n g e i m p f t. Also erkrankten 10 Prozent t r o t z MMR-Impfung! Bei Jugendlichen und Erwachsenen waren laut RKI 50% ungeimpft. Die a n d e r e Hälfte erkrankte bei (un)vollständiger MMR-Impfung, wie sich das auch immer eruieren ließ? Deshalb muss der STIKO-Impfkalender s e l b s t hinterfragt und auch die Qualität der MMR-V a k z i n a t i o n neu bewertet werden. Denn selbst gering vertretene Impf-Müdigkeit oder gar -Gegnerschaft werden befeuert, wenn faktisch geimpfte Patienten genauso an Masern erkranken können. Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/impfen/article/876274/leitartikel-masernproblem-ausgesessen.html

Geradezu kopflos sind die selbsternannten "Oberstrategen": Der "Bericht der Nationalen Verifizierungskommission Masern/Röteln zum Stand der Eliminierung der Masern und Röteln in Deutschland 2013" ... "an die Weltgesundheitsorganisation (Regionalbüro für Europa) mit Stand Juni 2014" unter Vorsitz von Professor Oliver Razum von der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld (www.rki.de) liest sich wie "Fragen an Radio Eriwan".

Ein sybillinischer Satz lautet: "Eine andauernde endemische Transmission von Masernviren in Deutschland kann aus diesen Gründen weder bestätigt noch widerlegt werden. Sie ist jedoch, unter besonderer Berücksichtigung der hohen Inzidenzen, sehr wahrscheinlich". Der geübte Radio-Eriwan-Sprecher transkribiert das als: "Im Prinzip Nein, aber eher doch, Ja"! Was für ein Wunder, wenn ein endemisch vorhandenes Masernvirus-Reservoir n i c h t auch in der Lage wäre, bei hohen Masern-Inzidenzen dieselben zu befördern.

Vertiefend erörtert, wird das Strategie-Dilemma deutlich! "R ö t e l n: Die epidemiologische Situation der Röteln im Jahr 2013 kann weiterhin noch nicht bewertet werden, da nach Einführung der bundesweiten Meldepflicht im März 2013 noch nicht alle Gesundheitsämter über eine geeignete Software zur vollständigen Übermittlung verfügten..." heißt es im schönsten Amtsdeutsch.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[06.02.2015, 15:05:32]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
nicht neue Wege, sondern alte Wege, die Impfpflicht!
Wofür denn sonst eine Meldepflicht, wenn sie keinerlei Konsequenzen hat.
Wie kann man Kindergärten und Schulen sicher machen, wenn unkontrolliert Masern eingeschleppt werden kann? Und selbstverständlich sind auch "masernfreie" ungeimpfte Mütter ein erhebliches Risiko für ihre eigenen Babies. zum Beitrag »
[06.02.2015, 12:54:10]
Dr. Ursula Kramer 
Mut, neue Wege zu gehen in der Ansprache auf Impfungen
Es sind nicht mehr die ungeimpften Kinder, sondern die Impflücken der Erwachsenen, die große Probleme bereiten. Wie kann man die Jahrgänge ab 1970 erreichen? Vielleicht durch ein strukturierte Ansprache in Apotheken? Drei von vier Apothekenkunden kennen ihren Impfschutz nicht, über 70 Prozent sind bereit, sich nach der Aufklärung impfen zu lassen (NIZA3-Studie). Das wäre doch ein Weg, über den man angesichts fehlender, erfolgreicher Impfstrategien nachdenken kann. Fachübergreifende Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker, niedrigschwellige, fundierte Erstansprache der relevanten Zielgruppen auf Masernimpfung bzw. Impflücken, und das dank flächendeckendem Apothekennetz bis in die ländlichen Gebiete.  zum Beitrag »

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