Ärzte Zeitung, 31.05.2016

Forderung aus USA und Kanada

Olympia-Aus aus Angst vor Zika

Besonders Ängste vor Zika-Viren in den USA nähren Forderungen nach Verschiebung der Sommerolympiade in Rio. Dort ist der Kampf gegen die Überträgermücken gescheitert. Die WHO hält die Infektionsgefahr bei den Spielen aber für vertretbar.

Viele US-Forscher fordern Verschiebung der Rio-Spiele

Trotz Insektizid-Einsatzes in Rio gibt es deutlich mehr mücken-übertragene Krankheiten.

© NurPhoto / dpa

Ein Leitartikel von Wolfgang Geissel

RIO DE JANEIRO. Die Angst vor einer möglichen Ausbreitung von Zika-Viren ist in Nordamerika besonders hoch.

In diesem Kontext ist auch der offene Brief von 190 Wissenschaftlern und Ärzten an die WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan zu bewerten. Drei der vier Autoren und 121 der mittlerweile 186 Unterzeichner stammen aus den USA oder Kanada.

Die Experten fordern, die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im August zu verlegen oder zu verschieben und führen als Argumente das hohe Infektionsrisiko mit Zika-Viren in der brasilianischen Stadt an.

Die Erreger könnten von den Teilnehmern und den erwarteten 500.000 Besuchern in die ganze Welt verschleppt werden, fürchten die Experten.

Das Risiko: Der Erreger kann bei ungeborenen Kindern zu schweren Fehlbildungen und bei Erwachsenen zu Guillain-Barré-Syndrom führen.

Die von Brasilien vorgenommenen Maßnahmen zur Eindämmung von Zika- und anderen Mücken-übertragenen Infektionen haben zudem keinen Erfolg gehabt.

Im Gegenteil: Die ebenso wie Zika-Viren von Aedes-Mücken übertragenen Dengue-Viren haben sich in Rio von Januar bis April deutlich stärker verbreitet als in den Vergleichs-Zeiträumen der Vorjahre:

So stieg nach den Angaben die Zahl der Dengue-Erkrankungen in Rio um 310 Prozent im Vergleich zum Frühjahr 2015 und sogar um 1150 Prozent im Vergleich zu den ersten vier Monaten 2014.

Im Stadtviertel des Olympia Parks (Barra da Tijuca) habe es im ersten Quartal 2016 bereits mehr Dengue-Erkrankungen gegeben, als im ganzen Jahr 2015, berichten die Experten in ihrem offenen Brief.

WHO bestärkt Veranstalter der Olympischen Spiele

Die WHO bewertet die Lage in Brasilien anders und hat die Forderungen der Experten inzwischen zurückgewiesen: Es bestehe keine Gefährdung der öffentlichen Gesundheit, die die Verschiebung oder Absage der Olympischen Spiele rechtfertigen würde, so die Weltgesundheitsorganisation in einer Reaktion auf die Forderungen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) fühlt sich hierdurch bestärkt.

Der Brasilianische Gesundheitsminister Ricardo Barros hatte dem IOC in der vergangenen Woche zudem versichert, dass sein Land auf allen Ebenen gegen die Zika-Epidemie vorgehe.

In einem Gespräch mit IOC-Generaldirektor Christophe De Kepper am Rande der Weltgesundheitskonferenz in Genf hatte Barros weitere Maßnahmen erläutert: Für die Spiele in Rio würden 2500 zusätzliche Gesundheits-Mitarbeiter für Kliniken und Erste-Hilfe-Stationen eingestellt, außerdem 3500 Arbeitskräfte für Maßnahmen zur Prävention von Zika-Infektionen.

Der Minister übergab dem IOC zudem Daten, die den Rückgang der Überträgermücken im kühlen und trockenen Winter von Brasilien belegen, während dessen die Spiele in Rio stattfinden.

Vor allem in den USA wächst aber die Angst davor, dass sich die Viren nach massiver Einschleppung auch dort festsetzen könnten. Sorgen bereitet vor allem auch die starke Dynamik der Zika-Epidemie in Lateinamerika. Der bis vor zwei Jahren nur wenig bekannte Erreger hat sich binnen eines Jahres in mittlerweile 51 Länder weltweit verbreitet.

Mit Mexiko hat Zika die Grenze der USA erreicht. In Puerto Rico und auf den Virgin Islands wird das Virus bereits in zwei US-Territorien von Mücken endemisch übertragen.

Und in den weitaus meisten US-Staaten hat es bereits eingeschleppte laborbestätigte Infektionen gegeben; inzwischen wurden dort auch Zika-Erkrankungen bei 279 Schwangeren registriert.

1,1 Milliarden US-Dollar hat die US-Regierung bereits für den Kampf gegen die Viren bereitgestellt. Mit Nachdruck wird dort an einem Impfstoff gearbeitet, und man setzt vor allem auch auf neue Methoden zum Kampf gegen die Überträgermücken.

Geldmangel im Kampf gegen Zika beklagt

Von einem solchen Engagement kann die WHO nur träumen. Die Organisation klagt über zu wenig Geld für die effektive Bekämpfung der Epidemie weltweit.

Um den internationalen Aktionsplan zum Stopp der rasanten Ausbreitung des Virus umzusetzen, würden für die allernötigsten Maßnahmen mindestens 15,9 Millionen Euro benötigt, teilte die WHO am Montag in Genf mit.

Bislang habe man nur rund 2,1 Millionen Euro erhalten. Ursprünglich hatten verschiedene UN-Behörden - wie die WHO - um 50 Millionen Euro gebeten. Angesichts der schleppenden Zahlungen von Mitgliedsländern und wohltätigen Organisationen wurde die Summe nach unten gesetzt.

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