Ärzte Zeitung, 24.06.2016

Zika

Abtreibungswelle in Südamerika

Wegen der Angst vor Schädelfehlbildungen bei Babys durch eine Infektion mit dem Zika-Virus wollen immer mehr Frauen in Südamerika abtreiben.

VALENCIA / RIO DE JANEIRO. Mittlerweile ist ja bewiesen, dass das Zika-Virus Mikrozephalie bei Embryonen auslösen kann. Eine Studie zeigt, dass die Zahl der Abtreibungswünsche sprunghaft angestiegen ist.

Wissenschaftler aus den USA werteten Daten der Organisation "Women on Web" aus, die in Ländern mit restriktiven Abtreibungsregeln Mifepriston und Misoprostol über das Internet anbietet.

Auf Basis der Abtreibungsanfragen seit 2010 ermittelten sie einen Durchschnitt, den sie mit Daten seit dem 17. November 2015 verglichen, als die Panamerikanische Gesundheitsorganisation die erste Zika-Warnung aussprach. Demnach stieg die Zahl der Anfragen in Brasilien um 108 Prozent und in Venezuela um 93 Prozent (N Engl J Med 2016; online 22. Juni).

Von 19 untersuchten Ländern lag die Zunahme in Staaten mit restriktiven Abtreibungsregeln bei mindestens 36 Prozent. Ein Treiber seien dabei wohl Hinweise von Regierungen gewesen, auf eine Schwangerschaft wegen Zika vorerst zu verzichten - dies könnte bei bereits schwangeren Frauen zusätzliche Verunsicherung geschürt haben.

Bisher gebe es keine gesicherte Zahl zur Zunahme illegaler Abtreibungen, etwa durch den Kauf der entsprechenden Medikamente auf dem Schwarzmarkt, betonen die Studienautoren.

Eine der Wissenschaftler, Abigail Aiken von der Universität Texas in Austin, betont: "Diese Studie hilft (...) nachzuvollziehen, wie stark die Sorgen um Zika das Leben schwangerer Frauen in der Region beeinflussen." Allerdings löst nur ein Bruchteil der Infektionen tatsächlich Mikrozephalie aus, es ist eines der Rätsel. In Brasilien gab es seit Herbst 2015 über 1400 bestätigte Fälle - aber nur bei rund jedem siebten Fall davon konnte auch eine Zika-Infektion der Schwangeren nachgewiesen werden.

Zika-Impfstoff soll als einmalige Dosis verabreicht werden

Die USA und Brasilien starten nun ab Juli eine große Studie: 10.000 schwangere Frauen in Ländern mit einer starken Zika-Verbreitung werden begleitet, davon 4000 in Brasilien.

Ab November soll zudem mit Impfstoff-Tests an Affen und Mäusen begonnen werden - der Zika-Impfstoff soll als einmalige Dosis verabreicht werden und spätestens bis 2018 zur Verfügung stehen.

Eigentlich sind Schwangerschaftsabbrüche in dem am stärksten betroffenen Brasilien verboten - es sei denn es handelt sich um eine Vergewaltigung oder es gibt Hinweise auf akute Gefährdungen für die Gesundheit der Mutter.

Im Zuge der Ausbreitung von Zika, die Zahl der Infektionen wird auf bis zu 1,5 Millionen nur in Brasilien geschätzt, entbrannte eine Debatte für eine "Lex Zika" - wer Geld hat, kann in privaten Kliniken abtreiben, aber für die stark betroffene arme Bevölkerung ist das meist nicht möglich.

Das katholisch geprägte 200-Millionen-Einwohner-Land ist in der Frage aber gespalten. Eine Umfrage des Instituts Datafolha mit 2768 Befragten ergab eine klare Mehrheit von 58 Prozent gegen eine Abtreibungserlaubnis für mit Zika infizierte Schwangere. (dpa)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

"Manche Wortwahl irritiert mich sehr"

Gesundheitsminister Spahn wird wegen des TSVG von Ärzten kritisiert. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" betont er: Es wird mit Falschinformationen Stimmung gemacht. mehr »

Galenus-Gala 2018 – Das sind die Gewinner

Was zeichnet innovative Arzneimittelforschung aus? Vier Medikamente und eine Forschergruppe erhalten den Galenus-von-Pergamon-Preis 2018. Für beispielhaftes soziales Engagement wurde zudem der CharityAward verliehen. mehr »

Stammzelltherapie stoppt aggressive MS

Je früher, desto wirksamer – auch bei der autologen Stammzelltransplantation: Die Aktivität der Multiplen Sklerose lässt sich wohl komplett unterbinden, wenn die Methode als First-line-Therapie eingesetzt wird. mehr »